Meine Gedanken zu den 2000ern

  • Es sind ja wohl wenig Ältere hier aktiv, deshalb weiß ich nicht, ob jemand meine Gedanken zum Themenkomplex 2000er nachvollziehen kann.


    Als junger Mensch, so vor 20 Jahren, dachte ich, dass ich es mir nicht vorstellen könnte, in Sachen moderner Kultur nicht mehr auf dem Laufenden sein zu können bzw. zu wollen. Nur wenn es mir zu schrill würde, so nahm ich mir vor, rücke ich ab.


    Es kam - seltsamerweise - ganz anders: Die 2000er sind aus meiner subjektiven Sicht das langweiligste Jahrzent, dass ich bisher erlebt habe (bin immerhin insgesamt schon im vierten). Aus diesem Grunde laufe ich dem modernen Trend nun nicht mehr hinterher und habe mich im Laufe der letzten 10 Jahre schrittweise von der Entwicklung abgekoppelt. Irgendwo stecke ich jetzt wie meine Vorfahren in einem Zeitraum fest, der längst der Vergangenheit angehört. Speziell mache ich das am Musikalischen fest. Das letzte aus meiner Sicht musikalisch gute Jahr war 2003. Danach war Langeweile Trend - bis heute.


    Einige von euch können sicher den Vergleich mit den 1990ern ziehen. Wie seht ihr da die Entwicklung der Musik und der Mode? Ich bin gespannt auf eure Antworten. ;)

  • Ich bin in den 90ern groß geworden, die 90er waren mein Jahrzehnt. Von daher war das ein sehr spannendes Jahrzehnt für mich und in meinem Teenager-Leichtsinn habe ich auch so einige Trends mitgemacht oder zumindest ausprobiert.


    Die 2000er hingegen waren ein etwas ruhigeres, aber ich finde nicht weniger spannendes Jahrzehnt. Durch jüngere Cousinen und Cousins konnte ich einiges von der "Jugendkultur" mitbekommen und war erstaunt, aber auch ein wenig amüsiert, dass ich vor kurzem noch genauso fasziniert war von allem, was in der Bravo stand (sinnbildlich gesprochen). Ich habe es genossen, zu beobachten, dass Teenager von heute genau so drauf sind wie ich das war (auch wenn immer jeder behauptet, er sei nicht so gewesen als Teenie). Zum Beispiel die Entwicklung der ganzen Emo-Szene, die unter den jüngeren derzeit so in ist. Mag man halten was man will davon. Ich finde, auch die jüngere Generation hat ein Recht auf ihre Subkultur, selbst wenn sich das nur nach modischen Aspekten richtet.
    Ich bin schließlich in den 90ern auch mal im Grunge-Look, mal als glitzerndes Techno-Girlie rumgerannt.


    Außerdem fielen in dieses Jahrzehnt des neuen Jahrtausend meine Studentenjahre und die waren sehr prägend für mich. Damit verbinde ich aber nicht nur das Studentendasein, sondern auch die Kultur drumherum, vor allem die musikalische. Ich kann ganz und gar nicht behaupten, dass die langweilig waren. Ich verweise mal ganz ungeniert auf diesen Blog hier:
    http://merely-thinking.blogspo…de-of-hits-die-songs.html
    http://merely-thinking.blogspo…of-hits-die-songs-ii.html
    (Einer meiner ganz persönlich liebgewonnen Laut-Redakteure).


    Also, No Nick, ohne das jetzt böse zu meinen: Vielleicht liegts doch am Alter? Ich merke ja selbst schon, da ich langsam auf die 30 zugehe, dass ich nicht mehr am Puls der Zeit sitze. Und da kann ich noch so viel lesen und gucken. :rolleyes:

  • Also, No Nick, ohne das jetzt böse zu meinen: Vielleicht liegts doch am Alter?



    Definitiv! :D Ich hatte nur immer die Vermutung, die nächste oder übernächste Generation wäre noch schlimmer, als wir es waren. Doch diesen Eindruck habe ich halt nicht. Im Gegenteil: Vieles ist Retro oder auch sonst wenig originell. Xavier Naidoo und Peter Fox möchte ich von der Kritik mal ausdrücklich ausnehemen.



    Vielleicht kannst du 2019 nachempfinden, was in mir gerade vorgeht. :whistling:

  • Ja kann gut sein, dass es mir bald auch so geht :-) Wie schon gesagt, kann ich ja jetzt schon nachvollziehen, dass man irgendwann eben nicht mehr total up to date ist. Finde ich ja auch nicht schlimm. Ich muss nicht immer die Nase vorne dran haben.


    Aber ich merke auch, dass wir musikalisch wohl nicht zusammenkommen, denn Xavier Naidoo hasse ich bis auf den Tod und auch Peter Fox hat stärkstens nachgelassehn, denn alles was nach dem ersten Solohit kam, klang auch genau wie selbiger. Aber egal, über Musik diskutiere ich nicht, weil da eh jeder einen anderen Geschmack hat.

  • Ich muss gestehen, dass auch ich musikalisch auch an einem Zeitalter festhalte, dass bereits vergangen ist. Das liegt wohl einfach daran, dass ich als Jugendlicher durch diese Musik halt mehr geprägt wurde als mit der Musik der späteren Jahre. Das bedeutet nun aber nicht, dass ich die 80er- und 90er-Musik nicht mag - ganz im Gegenteil, das meiste mag ich wirklich. Aber die musikalischen Wurzeln der 70er-Hits sind einfach tiefer gedrungen und haben ihren Platz bis heute behauptet, dementsprechend blieben einige danach folgende Musikrichtungen eben außen vor - der Acker ist eben nicht unendlich. ;)


    Viele behaupten, dass man damals entweder Fan der "sauberen" Musik war (Glamrock, Pop etc.) oder der "schmutzigen" Musik (also Rolling Stones, Frank Zappa etc.), aber nie beides. Das ist Blödsinn, denn ich mochte vieles aus beiden Lagern. Dafür auch nicht alles aus beiden Lagern. Habe nach meinem eigenen Geschmack halt selektiert. Glücklicherweise waren wir damals nicht von Naidoo's behelligt worden, die mit ihrem Gejammere für mich nichts anderes sind als fleischgewordene Beileidskarten. Aber ansonsten höre ich durchaus auch gerne neuere Sachen, selbst Lady Gaga. Mein Musikarchiv geht also quer durch alle Gärten: 10cc, 2 Unlimited, 20 Fingers, Abba, Harry Belafonte, Dire Straits, Falco, Lady Gaga, Billy Idol, Pussycat, Rubettes, Sailor, Slade, Al Stewart, bis hin zu Frank Zappa. Also wirklich alle Richtungen, Hauptsache hörbar. Mein Musikgeschmack ist daher "Eintopf" - alles rein, was schmeckt. :)


    Modisch bin ich auch nicht jedem Trend hinterhergerannt, obwohl ich durchaus nicht unangepasst war. Ich trug zur Schule zwar auch meine grüne Schlaghose mit orange-weiß-gestreiftem Hemd mit langem Kragen, aber ebenso gerne auch Jeans mit T- oder Polo-Shirt oder kurzärmeligem Hemd. Für Discos oder Féten hatte ich eine eigene Kluft bestehend aus schwarzer Samtjeans, schwarzem Satinhemd und silberfarbenem Halstuch. Was in den 70er-Shows immer als Glitzer-Kostüme präsentiert wurde, existierte allenfalls in Promi-Discos oder als Bühnen-Outfit. Normal trug man sowas aber nicht. Angesagt waren damals aber lange Rollkragenpullis, über die man dann Gürtel trug - die Pullis hatte dafür eigene Gürtelschlaufen. Das wurde mir beinahe zum Verhängnis, als mein Pulli mal in Flammen aufging. Da ich zu dem Zeitpunkt ausnahmsweise keinen Gürtel umhatte, konnte ich ihn mir glücklicherweise schnell vom Körper reißen. Seitdem habe ich verständlicherweise keinen derartigen Pulli mehr getragen. :(


    Heute trage ich bevorzugt Jeans und T-Shirts, sind einfach am bequemsten. Habe aber keine Probleme mit Anzügen, kann sogar Krawatten mit zwei verschiedene Knoten binden, nur Schleifen/Fliegen kann ich nicht binden. Hatte sogar mal einen eigenen Smoking - als er zu klein wurde, hatte ich ihn verkauft.


    Äquivalent dazu ist die heutige Jugend ähnlich, meines Erachtens. Doch ich sehe auch Unterschiede, wobei ich mir verkneife, irgendwelche Ursachen dafür zu benennen: 1. Die Allgemeinbildung ist heute längst nicht so umfangreich wie damals. Fällt mir jedes Mal aufs Neue auf, wenn bei WWM jüngere Kandidaten sitzen und keine Fragen beantworten können, die ich schon als 12jähriger hätte beantworten können. 2. Die Gewalt ist heute ausgeprägter. Wenn wir uns damals schlugen, war Feierabend, wenn der andere am Boden lag - heute wird dann noch weiter drauf getreten. 3. Rücksicht auf andere ist heute oft ein Fremdwort, die Welt strotzt vor selbstsüchtigen Egoisten. Wer Rücksicht nimmt, gilt als Warmduscher.


    Das gilt nicht für alle und nicht für jeden, aber es fällt mir heute wesentlich mehr auf als früher, weil sich heute keiner mehr scheut, andere selbst mit dem größten Schwachsinn zu behelligen anstatt erst das eigene Gehirn einzuschalten. Selbstverständlich hatten wir als Jugendliche auch gerne Parties (Féten) gefeiert und Discos besucht etc., aber es gab noch so etwas wie einen gewissen Stolz, dass man Sachen, die man noch nie gemacht hatte, erst einmal ausprobierte. Dann konnte man damit strunzen, dass man wieder etwas mehr konnte als der/die andere. Stattdessen kenne ich heute viele, die darauf stolz sind, dass sie nichts können. Und sowas geht mir vollkommen ab.


    Daher fühle ich mich fast schon einer aussterbenden Rasse zugehörig . . . :S


    "RTL macht im Gegensatz zur landläufigen Meinung nicht mehr Fernsehen, sondern Gewinn. Das Programm wird nur billigend in Kauf genommen."

    (Geert Müller-Gerbes, Journalist & TV-Moderator)


    "Die Zuschauer sind gar nicht so dumm, wie wir sie mit dem Fernsehen noch machen werden."
    (Hans-Joachim 'Kuli' Kulenkampff, Schauspieler & Quizmaster)


  • Mit den letzten 10 Jahren verbinde ich viele politische Dinge: Euro, Terror, 11. September


    Aber auch die Fußball WM 2006


    Außerdem die Rückkehr des deutschen Schlagers und die massentaugliche Etablierung der Volksmusik im Fernsehen (also noch mehr als zuvor, Stichwort Florian Silbereisen).


    Zudem gab es die Rückkehr des Deutschen Films. Seit Anfang des Jahrtausends sind deutsche Filme wieder weltweit relevant, angefangen von den Oscar-Gewinnern (Nirgendwo in Afrika, Der Untergang) über Filme wie Good Bye Lenin oder Schuh des Manitu, der sich auch gut ins Ausland verkauft hat.


    Was die Mode angeht, hat sich in den letzten 10 Jahren etabliert, dass es viele Szenen und Modetrends gibt, die nur in bestimmten Gruppierungen vorgekommen sind, also das Individuelle weiter Einzug hält. Modetechnisch fällt mir ein was extremes ein: Jeans in Stiefel

  • Stimmt, der deutsche Film war in den 2000-ern sehr gut vertreten, und es gab auch die eine oder andere Filmperle, die leider keine Erfolge feiern konnte. Ungefähr ein Viertel meiner Filmesammlung besteht aus deutschen Filmen, vermutlich sogar mehr.
    Musikalisch wusste man nach der Techno-Welle der 90-er endlich wieder handgemachte Musik zu schätzen, und viele Rockbands, aber Künstler aus den Bereichen Folk und Soul haben den Weg in die Charts geschafft. Nonsens-Songs gab es immer noch, aber sie sind seltener geworden.
    Für mich besonders erfreulich: Sowohl das Improvisationstheater als auch der Poetry-Slam wurden von den Medien vermehrt beachtet und waren im Fernsehen zu sehen.

    Wir wissen wohl, was wir sind, aber nicht, was wir werden können. (William Shakespeare)

  • ich kann das auch nicht so drastisch sehen wie du no nick. Ich sehe das eher wie gh. Das kann ich nur bestätigen. Ich muss heute auch nicht mehr alles mitmachen. z. B. muss ich bei einem Konzert nicht mehr unbedingt in den Innenraum, gehe aber immer noch gerne auf Konzerte. Ich komme nicht mit allem klar, was sich heutzutage Star nennt und angesagte Musik ist, finde aber vieles gut und kann es gut hören (Lady Gaga, Rihanna usw.). Natürlich ist mir die alte Musik näher, aber das ist auch ok so. Alles in allem kann ich nicht sagen das die 2000er langweilig waren, sondern einfach nur anders.

  • In meinen Augen sind die 2000er vor allem das Jahrzehnt des Internets. Zwar hatte die Verbreitung des Internets schon in den 1990ern ihren Anfang genommen und auch ich selbst war schon Ende der 1990er online, aber richtig durchgesetzt hat es sich so richtig nach 2000. Vor allem die häufigere Verfügbarkeit von schnellen Anschlüssen hat das Internet multimedial werden lassen und der Inhalt an Audio- und Videomaterial explodierte. Dann kam auch noch das hinzu, was man unter dem Schlagwort Web 2.0 zusammenfaßt, was zu einer größeren Interaktivität im Internet geführt hat, aber auch seine Schattenseiten hat. Aber es gibt praktisch keine Interessengruppe mehr, die nicht auf irgendeine Art im Internet vertreten ist.

  • In meinen Augen sind die 2000er vor allem das Jahrzehnt des Internets. Zwar hatte die Verbreitung des Internets schon in den 1990ern ihren Anfang genommen und auch ich selbst war schon Ende der 1990er online, aber richtig durchgesetzt hat es sich so richtig nach 2000.

    Ähnlich verhält es sich mit den Handys. Wie sich die Verbreitung, das "Können" der Telefone und die Preise in den letzten 10 Jahren entwickelt haben ist wirklich heftig, auch wenn ich diese Entwicklung nicht unbedingt positiv finde.

    Warum reiben sich Frauen morgens die Augen? Weil sie keine Eier haben, die sie kratzen könnten!

  • Stimmt, die unsäglichen Casting-Sendungen haben die 2000er dominiert, umso schöner ist es zu sehen, dass zumindest bei "Deutschland sucht den Superstar" das Zuschauerinteresse immer mehr zurück geht. Bleibt zu hoffen, dass es beim "Supertalent" auch so ist. Denn die Art und Weise, wie die Sendung inszeniert wird, ist kaum auszuhalten.

    „Glaube denen, die die Wahrheit suchen, und zweifle an denen, die sie gefunden haben.“


    André Gide

  • Die 2000er sind für mich neben dem bereits Genannten vor allem auch durch digitale Speichermedien geprägt. Viele wertlos gewordene VHS-Sammlungen wurden durch DVD oder neuerdings Blu-Ray ersetzt; die Digitalisierung analoger Privat-Aufnahmen nehmen kein Ende; viele längst vergessene Filme oder Alben wurden erstmals wiederveröffentlicht und dank des Internets einem breiten Käuferkreis zugänglich; es setzte eine regelrechte Flut an Neuentdeckungen alter Schätze ein, sodass man schnell den Überblick verlor; alles war für jeden jederzeit zugänglich, auch unrechtmäßig.
    Gerade weil seit 10 Jahren in meinen Augen kaum mehr spannendes Neues passiert, das Meiste schon in irgendeiner Form da war, und das Leben seitdem dermaßen flach vor sich hinplätschert, findet vielfach ein Rückblick auf vergangene Jahrzehnte statt.
    Auch ein Forum wie dieses passt prima zu der Thematik.

  • Die 2000er sind für mich neben dem bereits Genannten vor allem auch durch digitale Speichermedien geprägt. Viele wertlos gewordene VHS-Sammlungen wurden durch DVD oder neuerdings Blu-Ray ersetzt; die Digitalisierung analoger Privat-Aufnahmen nehmen kein Ende; viele längst vergessene Filme oder Alben wurden erstmals wiederveröffentlicht und dank des Internets einem breiten Käuferkreis zugänglich; es setzte eine regelrechte Flut an Neuentdeckungen alter Schätze ein, sodass man schnell den Überblick verlor; alles war für jeden jederzeit zugänglich, auch unrechtmäßig.
    Gerade weil seit 10 Jahren in meinen Augen kaum mehr spannendes Neues passiert, das Meiste schon in irgendeiner Form da war, und das Leben seitdem dermaßen flach vor sich hinplätschert, findet vielfach ein Rückblick auf vergangene Jahrzehnte statt.
    Auch ein Forum wie dieses passt prima zu der Thematik.

    Ich muß dir in fast allen Punkten recht geben. Bereits in den 90ern begann die Wiederentdeckung alter Schätze, woran in den 70er und auch noch 80er Jahren nicht zu denken war.
    Viel dazu beigetragen haben Bear Family und Youtube. Dazu die DVD-Veröffentlichungen. Es ist aber auch gleichzeitig eine Aufarbeitung mit seiner eigenen Vergangenheit, die jetzt zum Abschluß kommt.
    Es ist eine Übersättigung eingetreten, die dazu beiträgt daß man sich ganz allmählich davon entfremdet.
    Ich nenne nur mal das Beispiel Immenhof-Serie oder auch die Feuerzangenbowle.
    Als die Wiederholungsphase in den 80ern eintrat, waren diese Filme wiederum Straßenfeger vor dem Bildschirm.
    Das Medium VHS erlebte eine Hochkonjunktur.
    Auch Heinz Erhardt sollte erwähnt werden, dessen Filme in den 80ern noch Vorstadtkinos füllte.
    Diese Übersättigung und ständige Wiederholung hat dazu geführt, daß diese Filme heute kaum noch jemanden interessieren und die DVDs zu Ladenhütern geworden sind.

    Allseitiger Unbeliebtheit erfreuen sich Deutsche, die über ein Gedächtnis verfügen und Geschichtskenntnisse besitzen.


    © Wilhelm Schwöbel (1920 - 2008), deutscher Zoologe und Aphoristiker

  • Für mich ist der entscheidende Begriff für die 2000er Jahre Entfremdung.


    Ich bin einfach nicht mehr mitgekommen - nicht mit der Technik - nicht mit der "Kultur" - nicht mit der Politik - nicht mit den Erscheinungen in Film, Musik, Literatur.
    Ich finde mich da einfach nicht wieder.


    Mein Lösungsvorschlag ist radikale Rückbesinnung. Die Gegenwart hat mir nichts zu bieten.

  • Für mich ist der entscheidende Begriff für die 2000er Jahre Entfremdung.


    Ich bin einfach nicht mehr mitgekommen - nicht mit der Technik - nicht mit der "Kultur" - nicht mit der Politik - nicht mit den Erscheinungen in Film, Musik, Literatur.
    Ich finde mich da einfach nicht wieder.


    Mein Lösungsvorschlag ist radikale Rückbesinnung. Die Gegenwart hat mir nichts zu bieten.

    Ich habe seit Anfang der 90er Jahre die sogenannte deutsche Musik "nicht mehr zur Kenntnis genommen".
    Darum geht mir auch der Song Contest am Ar...... vorbei, zumal dieser sowieso nur noch in englischer Sprache erfolgt.
    Für mich bleibt deshalb Nicole die bisher "einzige deutsche Gewinnerin" und das war 1982.


    Deutschland ist ein kulturarmes Land geworden. Das macht sich im Bereich Film, Musik und vor allem Sprache bemerkbar.
    Für mich gibt es deswegen auch keine Berlinale mehr, sondern nur noch "Amerikanische Filmfestspiele in Berlin".
    Da ich in der Nähe vom Potsdamer Platz wohne, mache ich bei Gesprächen auch keinen Hehl aus meiner Ansicht.
    Die meisten Berliner kann man damit auf die Palme bringen.
    Aber ob man es hören will oder nicht: Der "deutsche Film" ist amerikanisch.
    Wer mal versehentlich auf SAT1 oder PRO7 rumzappt und die deutschen Synchrostimmen bewundern darf, kommt sich vor wie bei dem Sketch von Evelyn Haman.
    Was die deutsche Sprache betrifft: Es werden keine neuen deutschen Ausdrücke mehr erfunden - das ist die sprachliche Verarmung.
    Die Fachbegriffe gibt es nur noch in englisch - ob es nun der "Girls-Day" ist oder Abschaffung von Wörtern, die es schon alle Ewigkeiten bei uns gibt.
    Dabei handelt es sich nicht etwa um neue englische Begriffe, sondern verwendet lediglich die herkömmlichen Wörter.
    Torwart=Keeper, Trainer=Coach, Flughafen=Airport (obwohl Deutschland den ersten Flughafen der Welt hatte).
    Ja, die Sprachperverslinge scheuen sich nicht einmal, Datumsbegriffe zu verschandeln.
    Die Katatrophe von New York war nicht am 11.9., sondern es war der "nine-eleven".
    Wie gesagt, dieser Verfall begann bereits kurz nach der Wiedervereinigung - aber seit der Jahrtausendwende beschleunigt er sich dermaßen, wie die Laufzeit der letzten Züge einer Eieruhr.

    Allseitiger Unbeliebtheit erfreuen sich Deutsche, die über ein Gedächtnis verfügen und Geschichtskenntnisse besitzen.


    © Wilhelm Schwöbel (1920 - 2008), deutscher Zoologe und Aphoristiker

  • Ich kann Dir schon zustimmen, ebenso Detlef. In der Hinsicht sehe ich auch eher negativ, aber nicht ganz so negativ wie du / ihr.


    Die 2000er Jahre ermöglichen dass jeder seinen Interessen so nachgehen kann wie nie zuvor. Man kann sich ohne großen Problemen mit Gleichgesinnten treffen bzw. kommunizieren (gutes Beispiel ist dieses Forum). Durch das Netz oder auch DVDs haben wir nun einen Zugriff auf unendlich viel Kulturgüter. Wie Bruno schon sagte, haben sich viele an Heinz-Erhardt-Filmen beispielsweise satt gesehen, weil sie seit 30 Jahren immer wieder wiederholt werden. Dafür gibt es nun Serien aus den 60er Jahren zu kaufen, die seitdem nie wieder gezeigt wurden.


    Was das Kulturelle angeht muss ich auch im Groben zustimmen, jedoch glaube ich an die Kraft der Kultur und bin stets erstaunt, wieviele Jugendliche die Nase voll haben von den heutigen Medien, dem heutigen Denken und der Kulturlosigkeit. Wie viele sich für alte Filme, alte Serien, alte Musik, die Geschichte und die eigene Kultur interessieren.


    Die englischen Begriffe, gerade bei so Sendern wie ProSieben ("Tolerence Day", "Red Nose Day" usw usw) finde ich auch sehr sehr grausam. Aber es gibt gerade in den freien und nicht so stark kontrollierten Medien auch andere Entwicklungen. Beispiele von Wörtern aus dem Internet, die mittlerweile geläufig sind und von vielen gebraucht werden:


    Verweise statt Links
    Startseite statt Home
    Nachrichten/Neues statt News
    Rechner statt Computer
    Netz statt Internet
    Rundbrief statt Newsletter
    Anhang statt Attachment (war das das englische Wort?)


    Was noch nicht so oft vorkommt, aber ich auch schon gesehen habe:


    Bildschirmfoto statt Screenshot


    Was die Medien, die Politik und die Wirtschaft (gerade in der Werbung und im Einzelhandel) angeht, ist es mit den Fremdwörtern wirklich grausam geworden seit den 90er Jahren. Man hat fast den Eindruck, dass das seit dem Fall der Mauer und der Vereinigung der zwei größeren deutschen Staaten System hat.

    „Glaube denen, die die Wahrheit suchen, und zweifle an denen, die sie gefunden haben.“


    André Gide

  • Was den gesamten Audio-Video-Bereich betrifft, sind für mich die 2000er auch das Zeitalter der Digitalisierung. Während in den 90ern alles noch überwiegend analog ablief, also das Fernsehen, die Video-Aufzeichnung usw., läuft dies heute überwiegend auf digitalem Wege. Das Fernsehen ist digital geworden (wenn auch noch nicht bei allen), es wird digital aufgezeichnet, die Fotoapparate und Videokameras arbeiten digital usw. Ich erinnere mich noch, wie wir Ende der 90er für unsere Schülerzeitung Videos ins Internet stellen wollten, was damals noch eine komplizierte Angelegenheit war. Erst wurde mit einer herkömmlichen analogen Videokamera (Video 8) aufgezeichnet, dann mußte das Video erst digitalisiert und komprimiert werden, was mit damals üblichen Rechenleistungen noch eine Herausforderung für den PC war. Heute geschieht dies viel einfacher und schneller und vor allem in wesentlich besserer Qualität.

  • So etwas wie YouTube war im Jahr 2000 noch nicht denkbar. Als ich 1999 ins Netz kam gab es 10 MB-Videos zum herunterladen, bei denen man erst einmal ne Weile saß, bis man sich auf der Festplatte hatte. Es handelte sich damals meist um Spaßvideos und viel Ausschnitte aus "TV total".

    „Glaube denen, die die Wahrheit suchen, und zweifle an denen, die sie gefunden haben.“


    André Gide