Sensationsprozess Casilla (D 1939) - ungeschnittene Fassung und Ausstrahlung einer deutlich längeren Fassung auf DDR 1

  • Bereits am 18.12.2017 strahlte das MDR Fernsehen nach über 20 Jahren den Film "Sensationsprozess Casilla" (1939) erstmals wieder im Fernsehen aus. Nun steht am 08.10.2018 um 23:10 Uhr die Wiederholung des Films im MDR an (mit erneuter Wiederholung am 09.10.2018 um 12:30 Uhr).


    „Sensationsprozess Casilla“ ist einer der besten und spannendsten deutschen Kriminal- und Gerichtsfilme der Vorkriegszeit. Als er 1950 vom Donau Filmverleih wiederaufgeführt wurde, nahm man wesentliche Änderungen vor. Er wurde nicht nur von 109 auf 95 Minuten herunter geschnitten, sondern auch in der Schlußszene inhaltlich völlig verändert. Dazu wurden bestimmte Szenen neu synchronisiert, besonders auffällig in den letzten Szenen, in denen Heinrich George von Werner Lieven nachsynchronisiert wird. Die Nachkriegsversion überspringt den ganzen Teil in Südamerika; die Handlung wirkt holprig und teilweise völlig unverständlich. Ich habe die Handlung erst nach der Lektüre des Romans von Hans Possendorf richtig verstanden.


    Leider gab es auf Toppic-VHS und im ZDF nur die verstümmelte Version von 1950 zu sehen. Eine mehr oder weniger vollständige Version wurde jedoch von einer etwas abgespielten Kopie am 18.04.1983 auf DDR 1 gesendet. Leider waren sich die meisten Filmfreunde dieser Umstände nicht bewußt, so dass überwiegend nur die gekürzte ZDF-Fassung in Sammlerkreisen mitgeschnitten und archiviert wurde.



    Ich hatte schon im Vorfeld der Ausstrahlung 2017 den MDR und die Murnau-Stiftung kontaktiert und darauf hingewiesen, erhielt damals aber keine ernst zu nehmende Antwort:


    Sehr geehrter Herr ***,

    vielen Dank für Ihre Mail an den MITTELDEUTSCHEN RUNDFUNK und Ihre Aufmerksamkeit gegenüber unserem Programm.



    Auch wir hatten telefonischen Kontakt mit der Murnau-Stiftung, die unser Sendematerial (Ausstrahlung: 18.12.) autorisiert hat. Der Kollege dort konnte sich noch an das Telefonat mit Ihnen gut erinnern und hat Ihnen mitgeteilt, dass wir in 90‘ Länge senden. Eine andere Fassung kennen weder wir noch die Experten dort.

    Mit freundlichen Grüßen und guten Wünschen für Sie



    ***

    MDR-Publikumsservice



    Nachdem der Film nun wiederholt wird, wandte ich mich nochmals an die Murnau-Stiftung:


    Sehr geehrter Herr Szebedits,

    bereits am 18.12.2017 strahlte das MDR Fernsehen den Film "Sensationsprozess Casilla" (1939) https://www.filmportal.de/film…b6afd4df9898a7bc4028477f7 in einer stark gekürzten und verstümmelten Fassung aus (Ist-Länge 90'32 gegenüber Soll-Länge 104'17 bei 25 Bildern/Sek.)



    Ich wies im Vorfeld sowohl bei Herrn *** als auch der zuständigen Redakteurin des MDR, Frau ***, darauf hin, dass der Film im ZDF und auf Toppic Video nur in dieser Fassung verfügbar war und ausschließlich im ehemaligen Fernsehen der DDR die mehr oder weniger vollständige Fassung gesendet wurde.

    Da ein zeitgemäßes neues Videomaster offenbar nicht exisitiert, regte ich an, für die Ausstrahlung wenigstens auf die Sendefassung von DDR 1 zurückzugreifen. Leider konnte man meine Infos zum einen wohl überhaupt nicht einordnen, zum anderen hatte ich das Gefühl, dass man mich gar nicht ernst nahm.



    Nun steht am 08.10.2018 um 23:10 Uhr die Wiederholung des Films im MDR an https://www.mdr.de/tv/programm…ctx-true_zc-fdfd5841.html Daher wende ich mich an Sie: bitte veranlassen Sie, dass der MDR diesmal die vollständige Fassung für die Ausstrahlung zur Verfügung gestellt bekommt. Im Bundesarchiv liegt jedenfalls eine Verleihfassung mit 2904 Metern vor, was der Originallänge sehr nahe kommt: http://www.bundesarchiv.de/ben…_url=filme%2Fsearchresult

    In Anlage finden Sie ein Schnittprotokoll zu den beiden Fassungen. Da ich den Bestand der Murnau-Stiftung detailliert kenne, weiß ich, dass es sehr viele weitere Filme mit vergleichbaren Problemen gibt.



    Ich möchte mich sehr gerne auch persönlich mit Ihnen zu dem Thema austauschen.

    Vielen Dank und beste Grüße

    ***



    Hierzu erhielt ich folgende Antwort:


    Sehr geehrter Herr ***,



    erst einmal vielen Dank für die ausführlichen Informationen zu 'Sensationsprozess Casilla'. Für eine eventuelle Restaurierung in Zukunft sind diese sicher hilfreich.

    Nun aber zur aktuellen Ausstrahlung im MDR: Leider ist wohl in der bisherigen Kommunikation die Diskrepanz in der materiellen Überlieferung – vollständige Fassung ist grundsätzlich existent, aber nicht in auswertbarer Form – nicht zu Tragen gekommen.



    Eine vollständige(re) Fassung des Films liegt offenbar aus Beständen des Staatlichen Filmarchivs der DDR vor. Davon wurde ein Sendeband für DDR 1 hergestellt. Verständlicherweise liegt uns dieses nicht vor und auch nicht im Archiv des MDR. Somit stand und steht für eine aktuelle Ausstrahlung nur das ZDF-Sendeband zur Verfügung, das von einer gekürzten Fassung erstellt wurde.



    Die vollständige(re) Quelle aus SFA-Beständen (heute im Bundesarchiv) müsste erst digitalisiert werden, dies dann allerdings verbunden mit einer Recherche nach weiteren Materialien. Die entstehenden Kosten und die Bearbeitungszeit ließen sich allerdings nicht mit einer zeitnahen Ausstrahlung in einem dritten Programm vereinbaren.

    Daher muss es bei dieser Ausstrahlung bei der schon bekannten Fassung bleiben.



    Vielen Dank und viele Grüße

    ***

    Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung



    Ein Mitschnitt der langen Fassung von DDR1 in guter Qualität muß irgendwo verfügbar sein, denn vor einigen Jahren gab es die DDR-Ausstrahlung in ganz schrecklicher Qualität auf youtube zu sehen; allerdings ist sie seit längerem wieder offline.


    Hat jemand einen Direktmitschnitt des Films von DDR 1 oder eine inoffizielle Überspielung der langen oder längeren Fassung vorliegen?

  • Vielen Dank für die Ausführungen! Extrem spannend!


    In einem alten Brief habe ich mal eine Bemerkung über den Film gefunden - nichts sensationelles, aber interessant. Der Empfänger des Briefes war selbst Produzent bei der Firma ABC Film: http://geschriebene-geschichte…ationsprozess-casilla.htm

    „Glaube denen, die die Wahrheit suchen, und zweifle an denen, die sie gefunden haben.“


    André Gide

  • Leider ist es auch dieses Mal nur die stark verkürzte Fassung von 90 Minuten.

    Ich habe eine version mit 102 Minuten - aber scheinbar ist auch das nicht die komplette Fassung.

    Was den Unterschied zwischen der DDR-Fassung und dem ZDF betrifft:


    Beide hatten Szenen, was der andere Sender nicht hatte.


    Besonders auffällige Schnitte gab es in der Schlußphase des Films - bei der Szene im Flugzeug zwischen George und Hehn mußte man besonders hinhören und dann noch die Szenen bei der Führung durch das Anwesen des Hauses vom verschwundenen Mädchen.

  • Zusammenfassend ergibt sich folgendes Bild: der Donau Filmverleih wollte für die Wiederaufführung einen Akt Material im Kopierwerk einsparen und hat deshalb an verschiedensten Stellen gestrafft. Gleichzeitig wurden alle Szenen entfernt, in denen allzu sehr Amerika durch den Kakao gezogen wird und Deutsche aus Sicht der Amerikaner schlecht wegkommen. Der Schluß, dass Peter Roland mit Binnie, die er schon als Kind kannte, zusammenkommt, war zu heikel. Deshalb änderte man es passend zur Moral der aufkommenden Adenauer-Ära dahingehend ab, dass nun Peter und Jessie ein Paar werden.


    Bemerkenswert: die MDR-Fassung von 2017 hatte zwar die gekürzte Länge und auch der Schluss war gekürzt wie bekannt. Im Gegensatz zur Toppic-VHS war aber beim MDR der Schluss nicht nachsynchronisiert, sondern lief mit dem Originalton.


    Was auch in der DDR 1-Fassung weitgehend offen bleibt, sind die Vorgänge in Südamerika; der erhoffte Aha-Effekt hat sich diesbezüglich nicht eingestellt. Rechnerisch fehlen bei DDR1 gegenüber der Uraufführungslänge von 1939 aber immer noch rund 3 Minuten; das könnte eine Erklärung sein.


    In der BRD wurde 1950 natürlich alles peinlichst vermieden, was bei den Amerikanern Anstoß hätte erregen können. In der DDR hingegen waren spöttische Seitenhiebe auf die USA höchst erwünscht und es gab keinen Grund sie zu schneiden. Dafür könnten sich in Südamerika Handlungsteile abgespielt haben, die man auch in der DDR nicht gern sehen wollte und dort bewußt herausgeschnitten hat. Entfernt hat man aus der DDR-Fassung die Namen von Städten, die in Westdeutschland lagen.


    Hier für Interessierte das Schnittprotokoll, das ich seinerzeit im Vergleich MDR 2017 zu der youtube-Kopie der DDR-Fassung angefertigt habe, die aufgrund ihrer miserablen Qualität leider nur sehr eingeschränkten Belegcharakter haben konnte. Die Fassung von 1950 ist jedenfalls ganz und gar für die Tonne.


    V-Sensationsprozess Casilla 1939-1950.pdf

  • Ist die DDR 1 Fassung ohne Senderkennung gelaufen und ca 101 Minuten lang?

    Die DDR-Ausstrahlung gemäß youtube läuft 101'02 und war, wie damals üblich, ohne Senderkennung, enthielt aber einige kurzzeitigen Einblendungen "DDR 1" während des Films.


    Hier noch einige wichtige Handlungselemente aus dem Roman, die auch in der DDR-Fassung fehlen und zum Teil möglicher Weise dort herausgenommen worden sein könnten. Natürlich gibt es aber auch - wie oft bei Verfilmungen - deutliche Unterschiede zum Roman, so daß nicht alles hier Aufgeführte relevant sein wird:



    Das Buch von Hans Possendorf ist ein sehr gelungener, kurzweiliger und effektvoller Reißer, der den Film teilweise in seinen abenteuerlichen Schilderungen noch deutlich übertrifft und mit Handlungselementen aufwartet, die nach heutigen, von "Political Correctness" geprägten Vorstellungen teilweise starker Tobak sind.


    Ich kannte lange nur die gekürzte Filmfassung von 1950 und der Film war für mich inhaltlich teilweise immer völlig unverständlich. Erst als ich das Buch gelesen hatte, habe ich die Zusammenhänge und den Film begriffen, auch wenn hier sicher von vorn herein manches anders gelöst wurde.


    Für Krimi- und Filmfans lohnt es sich absolut, ein paar Euro für das Buch zu investieren.

  • Ja - genau 101 Minuten.

    Wenn noch die Schnitte - besonders am Ende - hinzugerechnet werden, kommt der Film auf ca. 105 Minuten.

    Darum ist die nächste Ausstrahlung im MDR mit ihren 90 Minuten nur ein Scherz mit einer guten Bildqualität

    Ja ,leider ein schlechter Scherz und wie schon vor einem Jahr ist diese Ausstrahlung im MDR für mich wertlos , weil diese Fassung habe ich ,die DDR 1 Fassung leider nicht und diese ist ja auch nicht mehr auf Youtube auffindbar.

  • Der Film "Sensationsprozess Casilla" lief gestern das letzte Mal im Kino - keine Tragödie, denn die verschnippelte Fassung läuft ja heute Abend im MDR.

    Was den Film "Reifende Jugend" betrifft: Die Murnau-Stiftung ist nicht in der Lage zu sagen, ob die ungekürzte Fassung läuft.

    Angegeben sind: 93 Minuten - das ist nicht die Originallänge und ob der Original-Vorspann auch gesendet wird, ist der Murnau-Stiftung auch nicht bekannt.

    Womöglich wird die ZDF-Version gesendet.

    Keine fundierten Auskünfte.

    Außerdem: Wer fährt schon nach Wiesbaden, um sich diese Filme anzuschauen.


    Außerdem - wie sinnig - werden noch die "absoluten Raritäten" wie "Opfergang" und "Freitag, der 13" gezeigt.

    So fade und phantasielos wie die BRD ist auch die Murnau-Stiftung.

  • Ich habe mir den Film eben angesehen: Es war sehr offensichtlich, dass dort etwas fehlt:

    Die Szene in Südamerika war auffallend kurz, die Abneigung der Tochter des Anwalts gegenüber dem Gauner (Siegfried Schürenberg) wurde nicht erklärt und was aus dem Gauner wurde, spielte später im Film auch keine Rolle mehr. Ich finde es auch auffallend, dass die Mitarbeiterin des Anwalts nicht irgendwann ihren Fehler zugibt. Dazu war sie natürlich nicht verpflichtet, aber nach heutigen Sehgewohnheiten, hätte auch das irgendwie noch mal zur Sprache bzw. aufgeklärt werden müssen.


    Ohne diesen Thread hätte ich den Film mit ganz anderen Augen gesehen. Ich finde schon, dass der Film von der Murnau-Stiftung restauriert und auf die Originallänge gebracht werden sollte.

  • Ja ,die Qualität ist top ,leider hat Murnau die Chance nicht genutzt ,den Film zu vervollständigen und der Orginalfassung anzupassen.

    Wann er nun genau überarbeitet wurde ,vielleicht zum 100 Jahr der UFA im letzten Jahr ,da wurde der UFA Film ja , in dieser Fassung , schon einmal vom MDR ausgestrahlt , weis ich leider auch nicht.

  • Wäre der Film in jüngerer Zeit restauriert worden, sähe das Ergebnis anders aus und wäre in HD, außerdem müsste in diesem Fall theoretisch die Originalfassung vorliegen.

    Deshalb handelt es sich mit Sicherheit um eine Abtastung aus Analog-Zeiten vor schätzungsweise 20 bis 30 Jahren, also um das Masterband der damaligen ZDF-Ausstrahlung bzw. der VHS-Veröffentlichung. Dennoch kann sich die Qualität natürlich sehen lassen.


    Die erste halbe Stunde hatte ich auch Verständnisprobleme, was ich allerdings auf meine Unaufmerksamkeit zurückführte. Nachdem ich jetzt weiß, dass es c.n.-tonfilm und Heideland genauso ging und die Verstümmelung dafür verantwortlich sein soll, bin ich beruhigt...