Teil 2 - Fernsehen in der Bundesrepublik Deutschland bis 1980

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Aus den Trmmern schaffte man nach dem Kriege noch funktionierende Gerte nach Hamburg. Die britische Besatzungsmacht grndete im September 1945 den Nordwestdeutschen Rundfunk (NWDR Anstalt des ffentlichen Rechts), der im Jahre 1948 in deutsche Hnde bergeben wurde. Neben dem NWDR gab es auch die neu gegrndeten Sender Sdwestfunk Baden-Baden, Sddeutscher Rundfunk Stuttgart, Radio Bremen, Hessischer Rundfunk Frankfurt und Bayerischer Rundfunk Mnchen. Die Anstalten bildeten offiziell am 5. August 1950 die neue ARD (Arbeitsgemeinschaft der ffentlichen Rundfunkanstalten der Bundesrepublik Deutschland).

Beim NWDR nahm man die Experimente mit dem Fernsehen bald wieder auf. Am 27. November 1950 begann man bei diesem Rundfunksender mit einem regelmigen Versuchsdienst. Alle zwei Tage wurden Sendungen ausgestrahlt. 1951 ging die Berliner Auenstelle des NWDR zur Ausstrahlung von tglichen Versuchssendungen ber, wobei in erster Linie Versuche mit aktueller Berichterstattung durchgefhrt wurden. Aber auch eine ganze Reihe anderer Fernsehgattungen erlebten in dieser Zeit ihre Geburtsstunde. Am 2. Mrz sendete der NWDR aus Hamburg das erste Fernsehspiel, nmlich Goethes "Vorspiel auf dem Theater". Am 27. Mai konnten die noch wenigen Zuschauer die erste Direktbertragung einer Veranstaltung ("Ausstellung der Deutschen Landwirtschaftlichen Gesellschaft") sehen. Im Herbst '51 wurde erstmals ein extra frs Fernsehen geschriebene Funkspiel gezeigt: "Es war der Wind", von Martin Schede.

Jetzt schloss der NWDR auch einen Vertrag mit der "Neuen Deutschen Wochenschau": Es wurden Filmschnittreste ("Abfallprodukte" der Wochenschau) abgegeben, die von einem NWDR-Redakteur und zwei Cutterinnen neu montiert wurden, um sie fr eine neue Nachrichtensendung im Fernsehen zeigen zu knnen. Im Januar 1952 wurde dann in Hamburg der erste Versuch mit der "tagesschau" gemacht. Am 25. Dezember war es dann auch offiziell soweit: Der NWDR begann in Hamburg mit der regelmigen Ausstrahlung eines tglichen Programms von 20:00 bis 22:00, bzw. 22:30 Uhr. Am Nachmittag kamen dann noch einmal zwischen 30 und 60 Minuten Programm dazu. Diese Anfnge waren allerdings sehr bescheiden; die "tagesschau" strahlte man fnf Jahre lang nur dreimal wchentlich aus.

Neben dem NWDR versuchten die anderen ffentlichen Rundfunkanstalten sich auch ans neue Medium Fernsehen und gestalteten Versuchssendungen. 1953 unterzeichneten die in der ARD zusammengeschlossenen Anstalten den Fernsehvertrag und wieder ein Jahr spter, am 1. November 1954, begann die ARD offiziell mit der Ausstrahlung eines Gemeinschaftsprogramms namens "Deutsches Fernsehen". Alle Fernsehbeitrge der einzelnen Rundfunkanstalten wurden ans ARD-Sendezentrum, dem ARD-Stern, nach Frankfurt geschickt. Von dort aus wurden die Signale an die Fernsehtrme der jeweiligen Bundeslnder gesendet. Das Gemeinschaftsprogramm der ARD erstreckt sich zunchst tglich auf die Zeit nach 20:00 Uhr, die "Hauptsendezeit", und auf die Zeit vor 18:00 Uhr. Ausgenommen war der Sonntag, an dem das gesamte Programm von allen Sendern gemeinsam ausgestrahlt wurde. In der Zeit zwischen 18:00 und 20:00 Uhr Montag bis Freitag (samstags zwischen 18:30 und 20:00 Uhr) sendete jede Anstalt ein Regionalprogramm: das "Vorabendprogramm".

Die Richtlinien fr das gemeinsame Fernsehprogramm wurden im "Fernsehvertrag der westdeutschen Rundfunkanstalten" am 27. Mrz 1953 festgehalten. Eine stndige Programmkonferenz, bestehend aus Intendanten, Beauftragten und dem Vorsitzenden der jeweiligen Anstalten, sollten Plne schmieden und Vorschlge geben fr das ARD-Gemeinschaftsprogramm. Der Vorsitzende der Programmkonferenz hie anfangs nur "Koordinator", spter "Programmdirektor Deutsches Fernsehen". Die "Programmdirektion Deutsches Fernsehen" befand sich seit Anfang an in Mnchen beim Bayerischen Rundfunk. Neben dem Programmdirektor gab es hauptamtliche Koordinatoren fr Politik, Sport, Auslandsfragen, Spielfilm, Fernsehfilm, Kinder- und Jugendsendungen und Unterhaltung. Die damaligen neun ARD-Anstalten BR, HR, NDR, RB, SR (seit 1.1.1957), SFB, SDR, SWF und WDR brachten hchst unterschiedliche Anteile in das Gemeinschaftsprogramm ein. An der Spitze stand der WDR, dann der NDR, danach der BR. Die restlichen Anstalten haben weit weniger zum Deutschen Fernsehen beigetragen.

Im Mai 1957 gab die ARD bekannt, ein zweites Fernsehprogramm vorzubereiten. Technisch war es allerdings noch nicht mglich, da noch keine weiteren Frequenzen im UHF-Bereich von der Deutschen Bundespost freigegeben worden waren. Der damalige Bundespostminister Richard Stcklen vertrstete die ARD mit der Feststellung, dass das Ministerium "besondere Vorstellungen" ber die Verwendung dieser Frequenzen habe. Nun entfachte ein jahrelanges Tauziehen zwischen ARD, dem Bund und den Lndern, denn die Bundesregierung dachte selbst an die Einrichtung eines zweiten Fernsehprogramms. Bundeskanzler Adenauer grndete daraufhin mit Justizminister Schffer 1960 die "Deutschland-Fernsehen-GmbH". Adenauer gab der Produktionsgesellschaft "Freies-Fernsehen-GmbH" den Auftrag, Fernsehproduktionen fr ein zweites Programm vorzubereiten. Jedoch weigerten sich die Bundeslnder, der "Deutschland-Fernsehen-GmbH" beizutreten, aber die Regierung beschloss trotzdem, ein zweites Programm ohne die Lnder zu beginnen. Daraufhin reichten nach und nach die Bundeslnder Klage beim Bundesverfassungsgericht ein, sodass am 17. Dezember 1960 gerichtlich ein Verbot des Sendebetriebs ausgesprochen wurde. Am 28. Februar 1961 verkndete das in die Geschichte eingegangene "Fernsehurteil von 1961", dass der Bund durch die Grndung der "Deutschland-Fernsehen-GmbH" gegen verschiedene Grundgesetzartikel verstoen habe (Art. 30, Abs. 5; Art. 5: Garantie der Freiheit der Berichterstattung; Abgrenzung der Aufgaben zw. Bund u. Lnder; Nichtbeteilung der Lnderkammern). Hr- und Fernsehrundfunk seien Kulturaufgabe der Lnder ohne Einfluss des Bundes oder private Trger. Somit wurden Adenauers Fernsehplne zunichte gemacht. Er htte starken Einfluss auf das Programm nehmen wollen.

Inzwischen hatte die Bundespost den UHF-Bereich fr Fernsehprogramme erschlossen, sodass die ARD ab 1. Juni 1961 von 20:00 bis 22:00 Uhr ein zweites Programm sendete. "Hier ist das Deutsche Fernsehen mit dem ersten und zweiten Programm" ertnte es fortan zu Beginn der Hauptausgabe der tagesschau um 20:00 Uhr. Fr den Empfang des zweiten Programms waren eine Zusatzantenne sowie ein Vorsatzkonverter fr den Fernsehapparat ntig. Dort wurden Wiederholungen (Spiel- u. Fernsehfilme, Dokumentationen und Magazinsendungen) gezeigt. Auch diente das zweite Programm fr Ausweichtermine oder aktuelle Programmnderungen, die im ersten Kanal nicht mehr vorgenommen werden konnten.

Von allen ffentlich-rechtlichen Sendeanstalten brachte allein der Westdeutsche Rundfunk aus Kln die Regionalsendung "Prisma des Westens" wochentags ab 19:30 Uhr. "ARD 2" wurde auf der Frequenz, auf der das sptere Zweite Deutsche Fernsehen sendete, ausgestrahlt. Fnf Tage nach dem Sendestart von "ARD Zweites Programm" unterzeichneten die Ministerprsidenten der Lnder am 6. Juni auf unbestimmte Zeit den Staatsvertrag fr ein zweites deutsches Fernsehprogramm (Anstalt des ffentlichen Rechts). ber ein halbes Jahr spter am 6. Februar 1962 wurde der Senderat des ZDF gegrndet, am 12. Mrz wurde der Philosophieprofessor Karl Holzamer zum ersten Intendanten des ZDF gewhlt. Die innere Struktur wurde vom Vorbild der Landesfunkanstalten geprgt, der Bund sollte nur noch ber die rechtlichen Dinge eine Aufsichtsbefugnis haben. Nun wurden Programmschemata geplant und Sendereihen entworfen.

Auf dem Gelnde der "Freies-Fernsehen-GmbH" in Eschborn wurden Rumlichkeiten (ein alter Bauernhof mit Remisen) bernommen, um in diesen die fernsehnotwenigen Anlagen (zwei Haupt-Studios mit je drei Fernsehkameras, ein Synchron- und Ansagestudio, Licht- und Mikrophontechnik, MAZ-Gerte, 16mm- u. 35mm-Filmabtaster sowie Filmaufzeichnungs- und Entwicklungsmaschinen nebst Sendeanlagen) zu errichten. Das ganze behelfsmig anmutende Gelnde wurde im Volksmund "Telesibirsk" geheien. Ein Jahr spter wurden erste Versuchssendungen am 19. und 26. Mrz durch den Sender Groer Feldberg/Taunus erfolgreich bertragen. Sein offizielles und regulres Fernsehprogramm nahm das Zweite Deutsche Fernsehen auf der Frequenz von "ARD Zweites Programm" am 1. April 1963 auf. ARD-2 hatte demnach am 31. Mrz seinen Sendebetrieb eingestellt; lediglich der Westdeutsche Rundfunk brachte auf dem ZDF-Kanal bergangsweise fr kurze Zeit weiterhin von 19:30 bis 20:00 Uhr sein "Prisma des Westens".

Wer das ZDF sehen wollte, musste einen Fernsehapparat haben, der auch die UHF-Kanle empfangen konnte, wodurch die Anzahl der Fernsehzuschauer anfangs noch sehr klein war. Das provisorische Sendezentrum reichte bald nicht mehr aus und eine Erweiterung, Ausdehnung war kostentechnisch sinnlos, worauf man beschloss, mit dem Inventar und Personal nach Wiesbaden umzuziehen: ins Studiokomplex des Taunusfilms (Unter den Eichen). Ein Jahr nach Sendestart wurde am 1. April 1964 das Programm nun aus Wiesbaden gesendet. Zudem hat das ZDF aus Platzmangel einige Rume fr Archiv- und Synchronisationsarbeiten im Groraum Mainz/Wiesbaden angemietet. Die Wochenprogrammdauer beschrnkte sich zunchst auf etwa 38 Stunden und wurde nur langsam angehoben. Berhmte Sendereihen wie "heute", "Drehscheibe", "Aus Forschung und Technik", "Vorsicht Falle" und "Vergissmeinnicht" entstanden in den Anfngen.

Zur selben Zeit begannen die Landesfunkanstalten der ARD als Ersatz fr "ARD Zweites Programm", die Dritten Fernsehprogramme aufzubauen, die auch im Ultrahochfrequenz-Bereich UHF ausgestrahlt werden sollten. Als erste Anstalt begann der Bayerische Rundfunk in Mnchen am 22. September 1964 mit der Ausstrahlung seines "Studienprogramms", gefolgt vom Hessischen Rundfunk in Frankfurt am 5. Oktober mit dem Programm "Hessisches Fernsehen". Der Norddeutsche Rundfunk Hamburg sendete kein eigenes Fernsehprogramm, sondern tat sich mit Radio Bremen und dem Sender Freies Berlin zusammen, mit denen er gemeinsam ab 4. Januar 1965 das Dritte Fernsehprogramm "Nord III" ausstrahlte. Fast ein Jahr spter startete der Westdeutsche Rundfunk Kln am 17. Dezember sein "Westdeutsches Fernsehen WDF". ber vier Jahre spter taten sich der Sdwestfunk Baden-Baden, der Saarlndische Rundfunk Saarbrcken und der Sddeutsche Rundfunk Stuttgart zusammen und begannen am 5. April 1969 als letzte der ffentlich-rechtlichen Landesrundfunkanstalten ihr Drittes Programm "S 3".

Die Dritten Fernsehprogramme wurden von Anfang an mit einem Lehrcharakter und einer Bildungsaufgabe angelegt. Neben zahlreichen hlzern gestalteten Lehrsendungen (abgefilmte Klassenzimmer, Lehrer an der Tafel oder am Pult) kamen sogleich neue Formate wie Schulfernsehen, allgemeine Kurse und Telekolleg hinzu. Schulfernseh-Beitrge wurden anfangs live beim Unterricht geschaut (Sende- und Unterrichtszeiten wurden abgestimmt, die Sendungen mehrmals fr sptere Unterrichtsstunden wiederholt). Einige Jahre spter wurden die Programme des Schulfernsehens von Stadtbildstellen und Medienzentren auf Videomagnetbndern aufgezeichnet und an Schulen verliehen. Die Aufnahmen mussten aus urheberrechtlichen Grnden nach einem Jahr (Ende eines Schuljahres) wieder gelscht werden.

Der Volksmund aber redete bald von "Blindenprogrammen", da die Dritten nur Minderheiten angesprochen und zufrieden gestellt haben. Unterbaut wurde diese herablassende Bezeichnung zustzlich durch Wortmarken wie "Studienprogramm" (vom BR). Damals waren die Dritten Fernsehprogramme organisatorisch vom ARD-Programm getrennt. Erst viel spter legten alle Anstalten ihre Fernsehabteilungen zusammen, sodass dieselben Redaktionen Beitrge fr das Erste und fr das Dritte Programm bearbeiteten. Mit dieser organisatorischen Zusammenlegung wnschte man sich bald in den Redaktionsanstalten eine inhaltliche Aufwertung der Dritten Fernsehprogramme, vor allem in den Abendstunden, sodass die jeweiligen Anstalten ihre Dritten Programme allmhlich zu Vollprogrammen mit Spiel- und Fernsehfilmen ausweiteten. Trotzdem fhrten sie noch lange Zeit ein Schattendasein.

Vor allem das Westdeutsche Fernsehen (WDR/WDF) und das Studienprogramm (BR Mnchen) gingen bald sehr strategisch vor: whrend das Koordinationsabkommen zwischen ARD und ZDF beiden Sendern vorschrieb, dass zu bestimmten Sendezeiten Informationssendungen in beiden Kanlen parallel laufen sollten, brachte zeitgleich das Westdeutsche oder Bayerische Fernsehen (Wortmarke "Studienprogramm" 1978 abgelegt) absichtlich ltere deutsche Spielfilme, um die Zuschauer an sich zu ziehen. Die Strategie ging erfolgreich auf: Statt "Monitor", "Panorama" im Ersten oder "Gesundheitsmagazin Praxis" im Zweiten Programm schalteten die Zuschauer montagabends lieber das Dritte Programm ein. Zugunsten des Bayerischen Fernsehens etwa lag die Sehbeteiligung an diesen Tagen bei 50%, whrend nur etwa 10% das Erste oder Zweite Programm einschalteten. Bis Ende der 70er Jahre waren alle Dritten zu Vollprogrammen ausgebaut worden; das Abendprogramm begann nicht mehr um 20:00 Uhr mit der bernahme der Tagesschau aus Hamburg, sondern meist um 19:00 Uhr mit Unterhaltungsreihen oder Regionalnachrichten. Am spteren Abend wurde dann das allgemeine Programm wieder beendet, um anschlieend noch Lehrprogramme zu wiederholen. Im Laufe der Zeit wurden die Regionalcharaktere der jeweiligen Lnder immer strker betont, Nachrichtensendungen, Reportagen, Dokumentationen wurden bundeslandbezogener und volksnher.

Text: Christian Bnisch

Lesen Sie weiter im dritten Teil: Fernsehen in der Bundesrepublik Deutschland seit 1980