Bellaria - So lange wir leben!

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Datum: 12.02.2018 | VÖ: 24.02.2004 | Herausgeber: Salzgeber & Co. Medien GmbH | Kategorie: Dokumentation

Man kennt sie nur zu gut, die alten Sprche. "Wie die Zeit vergeht", "Gesundheit ist doch das Wichtigste" oder auch "Die besten Geschichten schreibt das Leben". Sie wirken bieder, abgedroschen und aufgrund der vielfachen Verwendung achtet man als Empfnger der Nachricht kaum noch auf den wahren Kern dieser Aussagen. Mit zunehmenden Alter und zunehemnder Lebenserfahrung merkt man dann aber nicht nur immer mehr, wie wahr diese Sprche sind, sondern erwischt sich auch immer hufiger dabei, wie man diese Weisheiten selbst fortwhrend von sich gibt und sorgt selbst dafr, dass die Abgedroschenheit erhalten bleibt.

Manche Feinheiten und tiefere Wahrheiten des Lebens kann man also erst lieben und schtzen lernen, wenn man auch eine gewisse Lebenserfahrung aufweisen kann. So ist zumindest mein Eindruck. Und in Bezug auf Film und Kino gehrt die oben erwhnte Tatsache, dass die besten Geschichten das Leben schreibt, zu einen der wichtigsten Erkenntnisse. So lassen sich die grten Filmemacher oft vom Leben selbst inspirieren. Nicht selten flieen eigene Erlebnisse in ein Filmwerk ein, oder aber zeitgeschichtliche Begebenheiten.

Mchte man Geschichten aus dem Leben weitestgehend (soweit das berhaupt mglich ist) unverflscht wiedergeben, ist das Genre der Dokumentation im filmischen Bereich wohl das beste handwerkliche Mittel dafr. Der Dokumentarfilm ist ein leider viel zu wenig beachtetes Genre. Umso erfreulicher ist es, wenn sich Regisseure trotzdem an dieses Fach wagen und Werke hinterlassen, die ihre Zeit noch lange berdauern werden.

"Wos is heute schon wie es woar? Goarnix!"

Die Dokumentation, die ich heute rezensieren darf, trgt den Namen "Bellaria" und hat auf mich schon vor vielen Jahren eine tiefe Wirkung hinterlassen. Es muss Ende des Jahres 2004 gewesen sein (eine kleine Internet-Recherche hat mir soeben verraten, dass es wohl am Freitag, den 9. Dezember 2004 war, da lief der Film von 23:30 Uhr bis 1:05 Uhr im WDR eingeschaltet habe ich wohl erst nach Mitternacht). Wenn ich mich richtig erinnere, wartete ich darauf, dass ich "Domian" im TV laufen lassen konnte und bin unverhofft auf diese Filmperle gestoen. Aber worum geht es?

Wir befinden uns in Wien im Jahre 2000. Das "Bellaria" ist ein kleines Programmkino, das sich in Wien dank seines kleinen aber treuen Besucherkreises mit seinem sehr hohen Durchschnittsalter halten kann. Es sind Fans von deutschen Filmen der 30er und 40er Jahre, aus einer Zeit, als die sogenannten UFA-Stars gefeierte Publikumslieblinge waren und das Kino ein Garant war fr Musik, Charme und gute Laune. Filme dieser Zeit haben eine heile Welt gezeichnet, die es damals wie heute nicht gab, die man sich aber gerade in Verbindung mit dem Charme der alten Zeit, der Mode, der Umgangsformen usw. heute besonders gerne anschaut, um sich vom Alltag ein wenig ablenken zu knnen. Eben der Effekt, den heute noch die Heinz-Erhardt-Filme, die Immenhof-Filme und die Pauker-Filme haben, die Feiertags und Sonntags noch in den 3. Programmen mit anhaltenden Erfolg laufen.

"Die Traumwelt Film. Heit is nix mehr zum Trumen"

Dieser Film ist eine Meisterleistung. Denn das "Bellaria"-Kino htte man erfinden mssen, wenn es nicht schon existiert htte. Und eigentlich ist es ja so naheliegend, darber eine Dokumentation zu machen, so ein Kleinod zu finden und dann tatschlich eine so liebevolle Doku darber zu drehen, dass muss erst einmal vollzogen und gut umgesetzt werden. Und das ist dem Regisseur Douglas Wolfsperger auf ganzer Linie gelungen!

Gedreht wurde die Dokumentation im Jahr 2000, also kurz nach der Jahrhundert- und gleichzeitig Jahrtausendwende. Die alte Zeit rckte in jenen Jahren noch weiter zurck und den wenigen Widerstndlern gegen Modernitt und Degeneration luft auch immer mehr die Zeit davon. Bei diesen Personen handelt es sich um die Zuschauerschaft des "Bellaria"-Kinos, die sich "ihre" Filme nicht nehmen lassen, ihre "gute alte Zeit" nicht schlecht reden lassen und ein Bollwerk sind gegen schlechten Geschmack.

Zellebriert wird dies mit jedem Kinobesuch. Man macht sich schick, zieht sich stilvoll an ob Pelz, Hut, Anzug oder extravagant. Alles ist aufeinander abgestimmt und wenn das Geld knapp ist, dann wird berall gespart, nur nicht beim Kinobesuch. Das lsst man sich nicht nehmen! Denn das ist fr manchen noch die einzige Freude, die einem geblieben ist. Nicht selten ist der Ehepartner schon verstorben oder man hat hnliche Schicksalsschlge zu verkraften.

"Heidzutage gibts ja nur Tschimbum und lauter Nackte. Des interessiert mich nicht"

Der Film ist reich an unterschiedlichen Facetten, die ihn sehenswert machen. Dazu gehrt in erster Linie die "Zeitkapsel Bellaria" an sich, die als Kontrast zum damaligen modernen Wien des Jahres 2000 agiert und den Zeitenwandel dokumentiert. Dann ist natrlich auch der filmgeschichtliche Aspekt interessant. Das Herz der Dokumentation sind aber ohne Frage seine Protagonisten. Die Besucher des "Bellaria"-Kinos. Allesamt Originale. Allesamt nicht mehr die Jngsten und nur wenige Jahre spter allesamt nicht mehr am Leben. Sie wirken aus der Zeit gefallen und knnen damit uns aber auch wieder ein Vorbild sein, seine Leidenschaft zu leben und das Leben und sein Umfeld so zu gestalten, wie man es mchte.

Wolfsperger schafft es mit viel Feingefhl die Protagonisten offensichtlich so zu dokumentieren, wie sie wirklich waren und ihnen mit genug Respekt zu begenen, damit sie sich fr dieses Filmprojekt ffnen. Und das ist wahrlich nicht einfach. Die groe Kunst eines Dokumentarfilmers ist es, dafr zu sorgen, dass die Protagonisten vergessen, dass eine Kamera im Raum steht. Und so beginnen die Wiener Originale aus ihrem Leben zu erzhlen. ber ihre Schicksale zu berichten und ihrer Leidenschaft zu frnen. Diese Begeisterungsfhigkeit bertrgt sich auf den Zuschauer und so beginnt man die Protagonisten immer mehr zu verstehen und in ihre Welt einzutauchen, begleitet von der stimmigen Musik von Haindling. Man mchte an dieser Stelle am liebsten jeden einzelnen dieser Protagonsiten nher beschreiben, einfach jeden einzelnen gerecht werden, was in so einer Rezension natrlich nicht mglich ist. Im Rahmen einer Dokumentation aber auch nicht, dennoch ist es gelungen, einige dieser "Bellaria"-Stammgste liebevoll und wrdevoll zu portraitieren.

"Homs des slber gmocht die mhlspei?"

Einen kleinen Hhepunkt hat der kurzweilige Film dann am Ende zu bieten, als kein geringerer als Karl Schnbck zu einer Kinovorfhrung inklusive Autogrammstunde ins "Bellaria" kommt. Es sollte eine seiner letzten ffentlichen Auftritte werden, er verstarb im Mrz des Jahres 2001. Im Rahmen dieser Veranstaltung trifft man auch noch einmal auf die nicht unbekannten Tenbu-Zwillinge, zwei berhmte Autogrammjgerinnen, die nicht zum "Bellaria"-Stammpublikum gehren, trotzdem perfekt in die Runde passen.

Die DVD zum Film ist schlicht gestaltet und ausgestattet mit allen ntigen Informationen. Ein Beiheft oder Beiblatt ist nicht zu finden. Im Innenleben der Hlle befindet sich neben der DVD eine Werbebroschre von Edition Salzgeber und durch das durchsichtige Plastik kriegt man noch ein paar DVD-Empfehlungen dargeboten. Auf der DVD befindet sich neben dem Hauptfilm und der Kapitelauswahl eine "Extras"-Rubrik mit dem Kinotrailer zur Dokumentation, einer Fotogalerie in Form einer Slideshow sowie einige Texttafeln ("Biografie des Regisseurs", "Der Regisseur ber den Film", "Preise", "Pressestimmen" & "Festivals"). Ein besonderer Leckebrissen ist ein Ausschnitt vom Bayrischen Filmpreis mit der Laudatio von Christiane Hrbiger zu "Bellaria". Hinzu kommt noch die Rubrik "Preview" mit DVD-Trailer.

"Die Gegenwart ist nicht die Zeit fr mich"

Die Jury des Bayrischen Filmpreises hat "Bellaria" gewrdigt mit den Hinweis, dass die Dokumentation weniger eine Hommage an das Kino ist, sondern mehr eine Hommage an den Zuschauer. Und das trifft den Kern der Sache ganz gut.
"Bellaria So lange wir leben" ist ein Wiedersehen mit alten UFA-Stars wie Karl Schnbck, Hans Moser oder auch Johannes Heesters. Die wahren Stars deses Films sind aber die Stammgste des Kinos, darunter Originale wie der ehemalige Varieteknstler Ernst Weizmann oder auch die Kunstpfeiferin Jeanette Baroness Lips von Lipstrill (eigentlich Rudolf Schmid). Eine Generation, die heute fast komplett ausgestorben ist. Die in diesem Film aber eine einzigartige Wrdigung erhlt.

Bellaria - So lange wir leben!

(sk)

Wertung: 9 von 10 Punkten (9 von 10 Punkten)

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