Farbbalken, Graustufen und Gitternetze

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Datum: 17.07.2009 | Kategorie: Generation Testbild

Wer um 1980 herum geboren wurde und seine Kindheit in der 80ern erlebt hat, der hat seitdem eine rasante Entwicklung im deutschen Fernsehen mitbekommen. Die Fernsehkinder der 80er Jahre sind die letzte Generation, die noch mit dem Testbild aufgewachsen ist. Schaltete man um die Mittagszeit die Flimmerkiste ein, die damals in vielen Fernsehhaushalten noch nicht einmal eine Fernbedienung oder gerade bei lteren Zuschauern hufig noch schwarz-wei war, so sah man auf den wenigen Sendern nur das Testbild. ARD und ZDF hatten ihr gemeinsames Vormittagsprogramm und dann war erst einmal Mittagspause, bevor das Programm am Nachmittag wieder aufgenommen wurde. Das in Deutschland bliche Testbild stammt von der Funkbetriebskommission und wird daher auch als FuBK-Testbild bezeichnet. Die Kennung im schwarzen Feld in der Mitte verriet nicht nur, welchen Sender man sah, sondern gelegentlich auch, auf welcher Frequenz oder ber welchen Senderstandort man das Programm empfing. Whrend beim ZDF einfach nur "ZDF" zu lesen war, enthielt die Senderkennung der ARD je nach Regionalprogramm mehr Informationen. Man las einerseits kryptische Bezeichnungen wie "hr 1 B" oder "WDR 1 LA 9", andererseits stand in Bayern nur der Senderstandort (z. B. "KREUZBERG") im Testbild. Am lngsten bekam man das Testbild auf den dritten Programmen zu sehen, so begann etwa Hessen 3 sein Programm erst um 17.30 Uhr, whrend Bayern 3 schon deutlich frher am Tag auf Sendung ging. Kein Vergngen war es, sich das ZDF-Testbild lnger als eine halbe Minute anzutun. Nicht, dass die Kombination aus Farbbalken, Graustufen, Gitternetzlinien und PAL-Amplituden (nur der Fernsehtechniker kann sich wohl darunter etwas vorstellen) unsthetisch wre. Jedoch der tinnitusartige 1000-Hertz-Messton war wohl eher etwas fr starke Nerven. Bei vielen anderen Sendern wenn man das fr diese Zeit berhaupt so sagen kann wurde man davon verschont, da diese das Testbild mit einem Radioprogramm unterlegten, vor allem die ARD-Sender. Als das Stereo-Fernsehen eingefhrt wurde, konnte man sogar zwei verschiedene Radiosender auf dem linken und rechten Kanal hren, wie ich erst vor kurzem erfahren habe. Aber das wird wohl in den 80ern kaum jemand mitbekommen haben, denn wer hatte zu dieser Zeit schon einen Stereo-Fernseher?

Das Testbild hatte damals eine wichtige Funktion, um die Empfangsqualitt und die korrekte Bildeinstellung zu berprfen. Wurden die Farben korrekt wiedergegeben? Wurden gerade Linien auch gerade dargestellt? War das Bild scharf genug? Das und noch vieles mehr konnte man mit dem Testbild berprfen, sowohl als Techniker, teilweise aber auch als Laie. Hat der Techniker damals eine Antenne auf dem Dach aufgebaut und justiert, konnte man am Testbild erkennen, ob der Empfang optimal war. Heute, wo es keine Testbilder mehr gibt, haben die Techniker natrlich Testbildgeneratoren. Aber der gewhnliche Zuschauer kann seine Bildqualitt nicht mehr anhand des Testbildes kontrollieren. Von diesen technischen Aspekten konnte ich als Kind natrlich nichts wissen, mir hat einfach nur das Muster gefallen und auerdem lieen sich diese regelmigen geometrischen Figuren leicht abzeichnen.

Als wir dann in den spten 80ern verkabelt wurden, bekam man pltzlich ganz andere Testbilder zu Gesicht. Das Testbild von RTL Plus war vllig anders als das gewhnliche "deutsche" Testbild. Heute wei ich, dass dieses Testbild als PM5544 bezeichnet wird und von Philips entwickelt wurde. Und es lief Radio Luxemburg im Hintergrund. Whrend bis dahin hufig das Testbild der ARD zur Mittagszeit bei uns lief, wurde nun immer RTL Plus eingeschaltet und auf diese Art Radio Luxemburg gehrt. Aber auch andere Privatsender hatten Testbilder, jedoch Sat 1 und Eureka hatten nur einfache, langweilige Farbbalkentestbilder, genau wie das ffentlich-rechtliche 3 Sat.

Ende der 80er fhrten ARD und ZDF das Mittagsmagazin ein und somit verschwand auch die Mittagslcke. Das Testbild gab es dort dann nur noch frh morgens und nach Sendeschluss zu sehen, aber auf den dritten Programmen sah man es noch hufig. In den 90ern wurde das Testbild dann immer weiter zurckgedrngt und Mitte der 90er sah man es kaum noch im deutschen Fernsehen. Hessen 3 gehrte jedoch zu den letzten Mohikanern unter den Testbild-Sendern, whrend die Privatsender sowie ARD und ZDF schon rund um die Uhr sendeten und die Dritten zumindest die Lcken anderweitig auffllten. Jedoch einmal war ich 1994 in Belgien und war ganz fasziniert, wie viele Testbilder man zu dieser Zeit dort am frhen Morgen auf dem Hotelfernseher sehen konnte. Whrend man in Deutschland schon mglichst rund um die Uhr auf Sendung sein wollte, hatte man in Belgien noch "Mut zur Lcke". Aber auch in den Niederlanden oder in Skandinavien hielt man lange am Testbild fest. In diesen Lndern wurde brigens gewhnlich das Testbild PM5544 verwendet, was in Deutschland durch RTL Plus bekannt wurde, aber auch in den 90ern von Arte und Euronews benutzt wurde. Das PM5544 wurde und wird in vielen Lndern der Welt verwendet, whrend das "deutsche" Testbild der Funkbetriebskommission beispielsweise auch in der Schweiz, in Finnland und in Portugal verwendet wurde oder sogar in Libyen.

Heute bekommt man in Deutschland normalerweise kein Testbild mehr zu sehen. Am ehesten ist das noch der Fall, wenn es im analogen Kabel eine Strung gibt. Auch in anderen Lndern Europas hat man sich weitgehend vom Testbild verabschiedet. ber Satellit sieht man manchmal Testbilder, wenn ein Sender aufgeschaltet werden soll oder abgeschaltet wurde, aber kaum noch im normalen Sendebetrieb. Aber auch wenn das Testbild faktisch nicht mehr zu sehen ist, hat es doch noch viele Fans. Ende der 90er war bei "Stern TV" der Testbildsammler Dirk Weskamp aus Remscheid zu Gast, der zeigte, mit welchem Aufwand er auf der Jagd nach Testbildern war. Egal ob mit der groen drehbaren Satellitenschssel oder mit dem tragbaren Fernseher im Auto, jedes Testbild wurde eingefangen. Heute gehrt vor allem Herbert Kalser aus Hausleiten in sterreich zu den bekanntesten Testbildsammlern, aber auch Uwe Alberti aus dem thringischen Apolda ist fr seine Sammelleidenschaft bekannt. Im Internet findet man ebenfalls zahlreiche Testbild-Seiten, es muss wohl eine Menge Fans geben und bestimmt vermissen auch viele Zuschauer von heute, die in den 80ern oder frher geboren wurden, den einstigen festen Bestandteil jedes Fernsehtages. (jh)