Kai+Sven

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Pünktlich zur Veröffentlichung des vierten Teils der Hörspiel-Kultserie "Die Ferienbande" haben wir über E-Mail die Möglichkeit gehabt, mit den Machern der Ferienbande ein ausführliches Interview zu führen.

Redaktion: Ihr seid beide Jahrgang 1976. Seid Ihr noch mit Schallplatten-Hörspielen aufgewachsen oder gehört ihr schon zu der Generation der Kassettenkinder?

Sven: Ich bin ganz eindeutig ein Kassettenkind. Die Schallplatten kamen bei mir erst später dazu, als ich eigentlich schon aus dem Kinderhörspiel-Alter raus war – da habe ich nämlich die Hui-Buh und Hanni-und-Nanni-Platten meiner älteren Cousine in die Hände bekommen.

Kai: Ich habe zuerst die Märchenschallplatten von meiner älteren Cousine geerbt und gehört und ich glaube da waren auch ein paar Hui-Buh Platten dabei, später dann wurde ich aber eindeutig zum Kassettenkind. Ich erinnere mich noch, wie ich bei dem alten Kaufladen in unserem Ort mein Taschengeld in Fünf Freunde und Drei Fragezeichen-Kassetten umgesetzt habe. Das war ja das geniale Konzept von Europa: die Kassetten waren wirklich preiswert.

Redaktion: Was sind eure Erinnerungen an die Kinder- und Jugendhörspiele der 70er und 80er Jahre? Zu welchen Gelegenheiten habt ihr Hörspiele damals gehört und was verbindet euch damit?

Kai: Eigentlich sehr oft beim Spielen und Malen – ich habe da oft Motive aus den Hörspielen gemalt. Dann natürlich bei langen Auto- und Urlaubsfahrten (meine armen Eltern mussten stundenlang dieselben drei Hörspiele in Dauerrotation ertragen) und selbstverständlich zum Einschlafen. Das mache ich sogar heute noch ab und zu.

Sven: Hauptsächlich wie alle zum Einschlafen und auf langen Autofahrten – allerdings auch nebenbei an den Regenwetter-Bastelnachmittagen.

Redaktion: Was für Hörspiele habt ihr damals so gehört?

Sven: Hauptsächlich Fünf-Freunde und die Pizza-Bande. Allerdings hatte ich auch ein paar "Nicht-Serien"-Hörspiele von Robin Hood über die Nibelungen bis hin zu Kalle Blomquist.

Kai: Viel Fünf Freunde und Drei Fragezeichen. Als ich so zehn, elf Jahre alt war, kam dann auch noch TKKG dazu. Bei meiner jüngeren Schwester waren außerdem Bibi Blocksberg und Benjamin Blümchen angesagt – da hab ich auch ab und zu mitgehört.

Redaktion: Was sind auch heute noch eure Favoriten bei den Kinder- und Jugendhörspielen?

Sven: Auf jeden Fall die Drei Fragezeichen, auch wenn ich die als Kind nicht gehört hatte.

Kai: Meine Favoriten sind ganz bestimme Folgen der Serien – von den Fünf Freunden liebe ich "Auf dem Leuchtturm" und "Auf der Felseninsel". Bei den Drei Fragezeichen sind es "Der Zauberspiegel", "Der Fluch des Rubins" und "Der tanzende Teufel". Bei TKKG mag ich "Abenteuer im Ferienlager" und "Die Mafia kommt zur Geisterstunde" sehr gerne.

Redaktion: Die Meisten haben dann ab einem bestimmten Alter kein Interesse mehr an den Hörspielen oder will damit nicht mehr viel zu tun haben. War das bei euch auch so und wann seid ihr rückfällig geworden?

Sven: Ich hatte drei Renaissance-Phasen. Die erste vielleicht so mit 16 als ich die alten Platten meiner Cousine für einen Flohmarkt bekommen hatte. Damals hab‘ ich dann die Serien nachgeholt, die ich als Kind selbst nicht hatte. Die zweite Renaissance-Phase kam dann mit den Baby-Sitter-Jobs: Damals habe ich dann die nächste Generation von Bibi-Blocksberg und Benjamin-Blümchen schon aus einer aufgeklärten Distanz mitbekommen. Die dritte kam dann mit der Ferienbande…

Kai: Mit 13, 14 war das Interesse an den Jugendhörspielen tatsächlich völlig verschwunden. Allerdings haben Sven und ich – wir kennen uns ja seit der Schulzeit – in diesem Alter bereits eigene Hörspiele produziert, meistens Grusel- oder Fantasystories, deshalb war der Umgang mit dem Medium eigentlich nie weg. Eine richtige Renaissance kam dann als ich auf der Uni war und durch Zufall im Keller meiner Eltern eine Plastiktüte mit den alten Hörspielen wieder entdeckt habe.

Redaktion: Wann seid ihr auf die Idee gekommen, die Ferienbande als Radio-Hörspiel zu produzieren?

Sven: Das war Kai’s Idee…

Kai: Ich hatte die Idee, als wir angefangen haben, Konzepte für Radio Comedy zu entwickeln. Das muss so 2002 gewesen sein. Ich war der Meinung, dass man dieses Genre wirklich mal ordentlich parodieren müsste. Ein Jahr später - da haben wir bereits Radio Comedy Serien für den Hessischen Rundfunk produziert – kam dann die Idee, aus diesem Konzept eine kleine Serie für die Sommerferien zu machen. Katrin Wiegand, mit der wir damals schon als Autorin zusammengearbeitet haben, und Ich haben dann an einem feucht fröhlichen Nachmittag die Figuren der Ferienbande erfunden.

Redaktion: Wie seid ihr das Projekt angegangen? Dauerhören von den alten Klassikern?

Kai: Erstmal gab es ein gigantisches Brainstorming dazu was uns in dem Genre alles "auffällig" vorkam – die künstlichen Sprecher, die abstrusen Handlungen (vor allem bei TKKG), die teilweise wirklich rassistischen Figurenentwürfe und und und… Dann haben wir uns einzelne Folgen noch mal genauer angehört und uns auch mal den Sound und die Musik vorgenommen. Unser Musiker, Viktor Weimer, hat dann einen großartigen Sound entwickelt, der die Originalmusik sehr schön zitiert.

Redaktion: Woran habt ihr euch orientiert, als ihr die Charaktere ausgearbeitet habt? Habt ihr eine Lieblingsfigur?

Kai: Die Hauptfiguren sind natürlich sehr stark an TKKG orientiert – wir haben dann diese Eigenschaften genommen und überhöht. Wobei, wenn man sich manche TKKG Folgen anhört, dann sind wir da gar nicht so weit weg von. Wichtig war uns, dass auf eigentlich völlig unpassende Art und Weise "Sex, Drugs and Rock n’ Roll" in dieses Genre einbrechen sollte. Meine Lieblingsfigur der Bande ist Bernd, weil der so schön neurotisch und peinlich ist. Außerdem finde ich Kommissar Tappert, gesprochen von Matthias Keller, einfach zum Kreischen komisch. Als Sprecher mochte ich besonders den Tierarzt und Bauls Vater aus den "entsetzlichen Ferien" (Folge 1).

Sven: Als Sprecher ist meine Lieblingsfigur auf jeden Fall Bröckchen – es macht Spaß den Spagat zwischen süßer-Niedlichkeit und absoluter Widerwärtigkeit in einer Rolle unterzubringen.

Redaktion: Was waren die ersten Reaktionen auf die Ferienbande?

Sven: Auf der einen Seite Begeisterung von all‘ denen, die recht schnell den Zugang zu der Art von Humor gefunden haben und sich auf das Thema "Kindheit" und Jugendhörspiel einlassen konnten – bei den überdreißigjährigen, die eben nicht mit Hörspielen aufgewachsen waren musste man schon etwas Überzeugungs- und Aufklärungsarbeit leisten.

Kai: Interessant war von Anfang an die sehr positive Resonanz innerhalb "der Branche", also von Sprechern und Produzenten.

Redaktion: Zu welchem Zeitpunkt war für euch klar, dass daraus eine richtige Hörspielserie werden muss?

Sven: Wie? Sind vier Teile schon eine Serie? Bis letztes Jahr war die Ferienbande von uns auf CD nur als Trilogie geplant!

Redaktion: Warum wolltet ihr die Ferienbande zuerst nur als Trilogie konzipieren?

Kai: Wir waren der Meinung, dass eine Parodie auf dieses Genre eine gewisse "Endlichkeit" mit sich bringt. Außerdem führt man sich ja irgendwie selbst ad absurdum, wenn man die Tatsache der "immer gleichen Plots" und "Wiederholungen" dann auch in die Parodie selbst praktiziert. Deshalb haben wir gesagt, drei Teile mit den Schwerpunkten der drei bekanntesten Serien (TKKG, Drei Fragezeichen und Fünf Freunde) reichen. Wir haben aber ein wenig unterschätzt, was die Ferienbande doch für eine Eigendynamik entwickelt hat.

Redaktion: Mittlerweile ist der vierte Teil fertig gestellt. Gibt es viele Veränderungen zu den Vorgängern? Was erwartet die Hörer?

Sven: Der vierte Teil ist für die treuen Ferienbande-Hörer mit Sicherheit eine Überraschung da wir hier mit ein paar Konventionen brechen! Außerdem haben wir unsere Regel immer hochkarätige Gaststars dabei zu haben natürlich wieder beibehalten: So ist endlich "das dritte Fragezeichen" dabei, außerdem z.B. Badesalz und Oliver Kalkofe.

Kai: Wir haben uns mit dem vierten Teil außerdem auf stellenweise etwas "surrealeres Terrain" vorgewagt – ich glaube eine Musical-Sequenz hat es in noch keinem Jugendhörspiel gegeben. Dann war es natürlich interessant, die Charaktere etwas aus ihren vorgefertigten Rollen ausbrechen zu lassen: Bernds Depression, Babsis Monogamie und Bröckchens Diät.

Redaktion: Wie wichtig sind euch die Gastsprecher bei der Ferienbande? Wie werden diese ausgewählt und wie ist die Zusammenarbeit? Ist es euch dabei wichtig, "Shootingstars" wie Oliver Rohrbeck dabei zu haben?

Sven: Die "Großen" dabei zu haben ist weniger aus kommerziellen Gesichtspunkten wichtig als mehr für die Qualität des Projekts. Sicher hat niemand eine Folge der Ferienbande gekauft weil XY dabei war. Aber es wird von den Fans schon sehr richtig eingeschätzt, dass wir eben immer wieder diese Knallerbesetzungen dabei haben – Zumal wir die Sprecher ja nicht nur einfach wg. der Namen oder als "normalen" Cast besetzen. Vielmehr hat es ja auch einen inhaltlichen Wert, dass z.B. ein Sascha Draeger Bernds Vater spricht!

Kai: Für mich waren die Gastsprecher immer auch unter einem gewissen "Authentizitätsaspekt" wichtig. Wenn im ersten Teil beispielsweise Lutz Mackensy auftritt, dann fühlt sich das eben wie ein richtiges Jugendhörspiel an, obwohl er sich ja komplett selbst auf den Arm nimmt. Später kamen dann auch noch Kollegen aus dem Comedy- und Kabarettbereich dazu. Wir finden, dass dieser Mix an "bekannten Stimmen" einfach eine gute Symbiose ist. Die Zusammenarbeit mit allen Sprechern – bis auf eine kleine Ausnahme – war dann auch wirklich ganz großartig und gehört eigentlich zu den positivsten Erlebnisse rund um die Ferienbande. Teilweise haben sich da richtig freundschaftliche Arbeitsbeziehungen entwickelt.

Redaktion: Sind weitere Teile in Planung?

Kai: Derzeit nicht konkret.

Redaktion: Seht ihr in dem Projekt Potential zu mehr? Eure Live-Aufführungen sind ein gutes Beispiel dafür, dass das Projekt auch neben den eigentlichen Hörspielen lebt.

Kai: Sicherlich - die Bühnenshow (die ja eigene, für die Bühne geschriebene Geschichten sind) hat dem ganzen Projekt noch eine weitere Dimension gegeben. Das Potential ist da mit Sicherheit da. Ich glaube alle Beteiligten hatten mit der Live-Show ganz unglaublich schöne und großartige Momente und gleichzeitig auch einen Batzen Stress. Es ist nicht ohne, so eine Show professionell auf die Beine zu stellen und Termine und Wünsche von 6-9 Leuten zu koordinieren.

Redaktion: Wie habt ihr die Live-Lesung für euch selbst empfunden? Was war das besondere daran bzw. hat euch etwas besonders gestresst?

Sven: Das Besondere ist für uns Studio-Menschen vor allem der direkte Kontakt zum Publikum, also die Reaktionen sofort zu spüren und nicht erst später in Rezensionen, Mails oder Gästebucheinträgen. Auch die Abwechslung immer wieder ein anderes Publikum zu erleben und die Erfahrung zu machen, dass auch so eine fest einstudierte Show jeden Abend anders sein kann ist eine schöne Erfahrung gegenüber der Radio- oder CD-Produktionen. Abgesehen davon ist so ein "Rocker- und Tourleben"" doch etwas, was wir alle mal machen wollen, oder? Und am nächsten Tag geht’s immer wieder schön in den sicheren und routinierten Alltag… ;-)

Kai: Ich persönlich fand es faszinierend zu sehen, wie man plötzlich vom "Sprecher" zum "Schauspieler" oder "Performer" wird. In unserem Fall durch den klassischen Sprung ins kalte Wasser. Ich war völlig panisch am Anfang, weil ich dachte "es darf bloß nichts schief gehen und alles muss genauso ablaufen wie geplant". Man merkt dann aber schnell, dass gerade der Kontrollverlust oder der gewisse "Faktor X" das eigentlich Spannende bei den Liveshows sind. Die Reaktionen und Begegnungen mit dem Publikum und den Fans sind außerdem ein echtes Erlebnis. Das gemeinsame Touren mit unserem Team ist ebenfalls eine großartige Erfahrung und hat eine Gruppe von eigentlich ziemlich unterschiedlichen Menschen ganz schön zusammengeschweißt. Ich habe durch die Ferienbande Shows absolut Blut geleckt was das live performen anbelangt und würde da gerne auch mal anderes ausprobieren.

Redaktion: Was würde den geneigten Zuschauer denn erwarten auf einer solchen Live-Lesung?

Kai: Ich hoffe der Zuschauer ist nicht zu sehr geneigt, denn sonst sieht er ja nicht, was auf der Bühne passiert (Tusch, bitte). Die Ferienbande Show ist im Prinzip ein "Live Hörspiel" mit Sprechern, die in verschiedene Rollen schlüpfen, einem Erzähler und einem Geräuschemacher. Gleichzeitig spielen wir mit der Absurdität dieser Live-Situation und bauen auch jede Menge visuelle Elemente ein. Ja, es wird leider sogar getanzt.

Redaktion: Adrian schreibt in eurem Gästebuch: "ich hab mal die radiocomedy angehört und ehrlich gesagt, find ich den humor meist sehr ...nun ja primitiv. bambi stirbt immer und babsi will immer mit allen schlafen." Wie geht ihr mit Kritik um? Gab es viele kritische Stimmen oder nur Jubelrufe?

Sven: Ich kenne Adrian nicht persönlich – und ich lege auch keinen Wert darauf. Das soll nicht heißen, dass ich kein Interesse an guter Kritik habe – ganz im Gegenteil: Kritik ist das, was uns besser werden lässt – aber dieser Kommentar ist nicht mehr als der Beweis eines pubertierender Jungen, dass er gerade mal die Running Gags einer Serie erkannt hat.

Kai: Klar gibt es immer auch Leute, denen unsere Umsetzungen nicht gefallen oder die mit unserem Humor nichts anfangen können. Das muss man abkönnen. Wenn Leute ihre Kritik im Einzelnen gut begründen, dann finde ich das sogar sehr interessant. Nervig finde ich die Anmerkungen oder Mitteilungen von Leuten, die uns erzählen wollen wie es besser geht oder einfach offensichtlich etwas nicht kapiert haben und dann trotzdem motzen. Der ewige Vorwurf, dass die Ferienbande derb und geschmacklos ist, nervt auch manchmal, denn wer genau hinhört, weiß, dass es bei der Ferienbande teils sehr derben, aber auch teils sehr filigranen Humor gibt und dass genau die Mischung den Spaß bringt. Adrian im Gästebuch hat sich ja leider selbst etwas blamiert, weil er bei der Ferienbande das "Niveua" (Zitat) vermisst. Das ist dann eher putzig als ärgerlich.

Redaktion: Vielen Dank für das ausführliche Interview!

Der Beitrag wurde am 10.11.2008 von sk verfasst.

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