Karl Höffkes

Wann hatten Sie den ersten Kontakt mit alten Privataufnahmen?


Ich habe mich schon während meines Studiums intensiv mit alten Filmaufnahmen beschäftigt, weil sie mir als Geschichtsquelle ebenso wichtig erschienen wie gedruckte Dokumente.


Wann kam die Idee zur systematischen Sammlung von Privataufnahmen?


Das hat sich irgendwann einfach ergeben. Da ich die vereinfachenden und pauschalisierenden Deutungen der deutschen Geschichte als unwissenschaftlich und methodisch höchst bedenklich erachte, habe ich mich auf den Weg gemacht, um unbekannte Quellen zu erschließen. Der eine vergräbt sich dafür in Aktenberge. Das ist nicht so mein Ding. Ich bin losgezogen und habe alte Filme aus der Zeit gesucht.


In welchem Zustand befinden sich die Aufnahmen in der Regel?


Leider sehr unterschiedlich. Es gibt Filme, die wunderbar erhalten sind und den Anschein erwecken, sie seien erst gestern gedreht. Andere wiederum sind von der Zeit gezeichnet: eingerissen oder pilzbehaftet, durch falsche Lagerung und Wasserschäden kaum noch zu gebrauchen.


Mit welchem Verfahren werden die Filme digitalisiert?


Da müssen Sie bitte die Spezialisten fragen. Ich sichte das Rohmaterial und gebe es dann an entsprechende Unternehmen, die mit der jeweils neusten Technik die alten Filme abtasten und digital sichern.


Wann kamen Sie aus der Idee aus dem privaten Archiv eine Agentur für solche Filme zu gründen?


Die Idee gab es ursprünglich nicht. Erst als sich immer mehr Sender und Filmemacher bei mir meldeten, um mein Material zu sichten, habe ich den Entschluss gefasst, die Agentur professionell zu betreiben. Inzwischen erreichen uns jeden Tag Anfragen aus dem In- und Ausland. Manchmal so viele, dass die eigenen Filmprojekte darunter leiden.


Wie viele Filme kommen ungefähr pro Monat neu hinzu?


Sehr unterschiedlich. In manchen Monaten finde ich nur drei, vier Filmrollen. In anderen erweitert sich der Archivbestand um mehrere Stunden. In der letzten Woche beispielsweise habe ich insgesamt fast drei Stunden Material gefunden. Über eine Stunde davon bestand aus 16-mm-Farbfilmen.


Was sind die ungewöhnlichsten Privataufnahmen, die in Ihrem Archiv zu finden sind?


Das kommt immer darauf an, wie man "ungewöhnlich" definiert. Zu den Besonderheiten zählen aber sicher die Filmebestände von Hirt-Reger, Lenger, Göring und Goebbels.


Werden die Archivbestände häufig auch zu wissenschaftlichen Zwecken eingesehen und falls ja, zu welchen Fragestellungen?


In der Regel melden sich im Jahr etwa ein Dutzend Studierende, die für Ihre Doktorarbeit um Einsicht in bestimmte Filmkonvolute oder um Unterstützung anderer Art bitten. Häufig erreichen uns auch Anfragen von Museen, Universitäten und Dokumentationszentren. Wir geben uns viel Mühe, alle Anfragen umfassend zu beantworten, weil wir in dieser Quellenarbeit die eigentliche Aufgabe unseres Archivs sehen.


Welche Art von Aufnahmen werden am häufigsten zur Sichtung angefragt?


Das hängt oft von den historischen Ereignissen zusammen, die sich jähren. Im letzten Jahre waren vor allem Aufnahmen aus dem Westfeldzug (1940: 2010: 70 Jahre) gefragt. In diesem Jahr Szenen aus dem Ostfeldzug. Für das kommende Jahr bereiten verschiedene Sender Dokumentationen zu Stalingrad und zum Ende des Afrikafeldzuges vor. 2014 werden sicher Filmaufnahmen aus dem Ersten Weltkrieg gefragt sein.


Wie verbreitet waren Filmkameras in der damaligen Zeit unter Privatleuten und welche Filmformate wurden verwendet?


Die neue Technik setzte sich ab Mitte der 30er Jahre durch. Gefilmt wurde meistens auf günstigen 8-mm-Filmen. Wer es sich leisten konnte, bediente sich des besseren 16-mm-Formats. Seltener, aber immer wieder zu finden, sind auch 9,5-mm-Filme von Pathe, ein französisches Produkt, das sich durch eine außergewöhnliche Mittelperforation auszeichnet.


Gibt es bestimmte Jahre oder Zeitabschnitte, aus denen man besonders wenige oder viele Aufnahmen findet?


Die Jahre 1938 bis 1942 sind relativ gut bestückt. Ab Ende 1944 bis zum Kriegsende wird es merklich weniger. Es gab kaum noch Filmmaterial und die Menschen hatten sicher andere Sorgen, als zu filmen.


Werden Aufnahmen in Ihrem Archiv auch abgelehnt? Wenn ja, aus welchen Grund?


Nein. Wir nehmen alles, weil alles historischen Wert hat. Jeder Film ist eine Art Mosaikstein, den man zur Erstellung eines Gesamtbildes nutzen kann.


Woher stammen die Aufnahmen in der Regel? Aus familiären Privatbeständen oder von privaten Sammlern? Wie stehen die Leute zu den Aufnahmen? Sind es in der Regel Erben, die damit wenig anfangen können oder Leute, die ihre Sammlung in Hände geben möchten, die die alten Aufnahmen zu schätzen wissen?


Das ist ein breiter Bogen. Erfreulicherweise melden sich inzwischen immer häufiger Erben bei mir, die ihre Filmbestände professionell gesichert sehen wollen. Regelmäßige Angebote kommen aber von Händlern und anderen Sammlern und vieles finde ich, weil ich weiß, dass es irgend etwas gibt und ich mich auf die Suche danach mache.


Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, Farbfilme aus den Jahren bis Kriegsende zu finden?


Sagen wir es so: von den rund 1100 Stunden, die wir in 20 Jahren gefunden und digitalisiert haben, sind vielleicht 50 Stunden in Farbe. Relativ selten also. Aber finden kann man immer wieder was.


Ist ein Zeitpunkt zu erwarten, wo nur noch wenige oder gar keine neue Funde aus der Zeit bis 1945 gemacht werden?


Nein. Es mag jetzt weniger werden, aber ganz versiegen wird es nie.


Wie lange hält das alte Filmmaterial bei passender Lagerung?


Ich besitze Filmrollen aus dem Jahr 1914, die top in Ordnung sind. Bei entsprechender Lagerung und Pflege halten die Filme sicher 100 Jahre.


Was waren die bislang sensationellsten Fundstücke?


Die Privataufnahmen von Hermann Göring. Ich wusste, dass es diese Filme gibt. Trotzdem habe ich fünf Jahre gebraucht, bis ich sie schließlich in den USA auftreiben konnte.


Befindet sich oft Material mit Aufnahmen von berühmten Persönlichkeiten unter den Funden?


Danach sucht man immer. Fündig wird man aber nur selten. Im Laufe der Jahre ist aber schon einiges zusammen gekommen: Es gibt Aufnahmen, die Magda Goebbels persönlich von Dr. Goebbels gedreht hat, es gibt Szenen diverser Gauleiter und bekannter Generale.


Gibt es Aufnahmen, die Sie händeringend suchen? z.B. von bestimmten Ereignissen oder mit Aufnahmen bestimmter Persönlichkeiten?


Ich suche einfach alles, was privat gedreht wurde und in der Zeit vor 1945 entstanden ist. Was die Fernsehsender suchen, ist einfach zu beschreiben: Farbfilmaufnahmen von Hitler in der Badewanne, gemeinsam mit Eva Braun. Das Ganze möglichst vom Stativ gedreht. Da es diese Bilder nicht gibt, muss man eben auf das zurückgreifen, was ich finde. Und das ist, mit aller Bescheidenheit, auch nicht übel.


Haben Sie von Aufnahmen gehört, die angeblich existieren sollen, denen Sie aber bislang nicht auf die Spur gekommen sind?


Ja. Ich kenne mehrere interessante Filmkonvolute im In- und Ausland. Aber mehr möchte ich dazu aus nachvollziehbaren Gründen nichts sagen. Schauen Sie mal ab und an auf meine Webseite http://www.karlhoeffkes.de. Da veröffentliche ich stets die neusten Funde.


Finden Sie oft ergänzende Aufnahmen? Also mehrere Aufnahmen verschiedener Quellen von einem bestimmten Ereignis?


Das sind seltene Glücksmomente. Es kommt aber vor. Wenn beispielsweise in einer Einheit mehrere Amateurfilmer waren und ihre Aufnahmen noch existent sind, dann kommt es zu diesen Ergänzungsaufnahmen.


Besitzen Sie auch Aufnahmen, die bestimmte historische Ereignisse und Begebenheiten in einem anderen, vielleicht ganz neuen Licht erscheinen lassen?


Ja. Aber darüber möchte ich auch erst sprechen, wenn die entsprechenden Filme fertig sind. In einem konkreten Fall unterstütze ich einen Universitätsprofessor, dessen Buch in Kürze herauskommen soll und der einige Thesen aufstellt, die, sagen wir mal, für Diskussionen sorgen werden.


Wie sieht es mit den Urheberrechten alter Privataufnahmen aus?


Ich lasse mir, soweit möglich, von den Erben die entsprechenden Rechte einräumen. Damit bin ich auf der sicheren Seite. Da ich keine offiziellen Wochenschauen oder Propagandafilme des NS-Regimes sammle, ist die Rechtesituation überschaubar.


Befinden sich auch Tonfilme oder vertonte Filme im Bestand?


Einige wenige. Amateure haben immer ohne Ton gedreht. Die Vertonung fand, wenn überhaupt, in der Regel nach dem Krieg statt. Statt eines Tons finden sich oft eingeblendete Texttafeln im Film. Das ist für uns natürlich immer eine große Hilfe bei der Bestimmung, wann und wo die einzelnen Szenen entstanden sind.


Werden nur Filme aus Deutschland oder den deutschsprachigen Raum in das Archiv aufgenommen?


Ich sammele alle Filme, die in Zusammenhang mit unserer Geschichte wichtig sind. Dazu zählen auch Privataufnahmen von Deutschen im Ausland und von ausländischen Hobbyfilmern, die damals Deutschland besuchten.


Wie häufig sind Filme darunter, die Bilder aus anderen Ländern zeigen?


Das macht etwa 5% der Bestände aus. Viele Deutsche besuchten in den 30er Jahren mit "Kraft durch Freude" Norwegen, Spanien, Nordafrika usw. bei diesen Gelegenheiten entstanden zahlreiche interessante Filmaufnahmen.


Gibt es regelmäßige Kontakte zu wissenschaftlichen Institutionen?


Erfreulicherweise nehmen diese Kontakte ständig zu. Anfragen von Universitäten, wissenschaftlichen Einrichtungen und Dokumentationszentren im In- und Ausland gehören inzwischen zu unserer Tagesarbeit. Ab und an ergibt sich daraus auch eine Einladung zu einem Vortrag. So hatte ich beispielsweise die Gelegenheit, im Bundestag zu sprechen. In Fällen, in denen der Privatfilm vor 1945 das Thema des Studierenden war, durfte ich auch als Zweitprüfer an Universitäten tätig sein. Das sind in der Tat schöne Nebenprodukte meiner Sammelleidenschaft.


Vielen Dank für das Interview!


Anmerkung: Dieses Interview wurde in Zusammenarbeit von Sebastian Kuboth, "jh" und einigen Nutzern unseres Forums ausgearbeitet.

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