Theo Lingen. Das Spiel mit der Maske

Theo Lingen ist ein Schauspieler, den man auch heute noch kennt. Zu verdanken hat man dies einerseits diversen Schlagern, wie "Der Theodor im Fußballtor" aus dem gleichnamigen Film von 1950, der bis heute leider als verschollen gilt, andererseits sind dafür die zahlreichen Wiederholungen deutscher Lustspiel-Klassiker aus den 50er bis 70er Jahren verantwortlich. Gerade darin liegt aber auch die Schattenseite von Theo Lingens Bekanntheit, denn durch die große Präsenz in Filmen wie "Die Tollen Tanten schlagen zu" oder den Lümmel-Filmen, wo er sein Können etwas besser unter Beweis stellen konnte, wird er stets als Schauspieler der einfachen Komik in Verbindung gebracht. Nur wer genauer hin schaut merkt, dass Theo Lingen ein Meister seines Faches ist und eigentlich mehr könnte als das, was diese einfachen Rollen ihm abverlangt haben. Viele waren es nicht, doch spielte Lingen auch in einigen Produktionen mit, die eine ernsthafte Handlung hatten und auch ihm etwas abforderten. Darunter fallen unter anderem die zwei Fritz-Lang-Filme "M" und "Das Testament des Dr. Mabuse" aus den frühen 30er Jahren. Mit solchen Werken verbinden ihn aber die Wenigsten, was daran liegt, dass das breite Publikum nur mit eigenem Bemühen Zugang zu diesen Stoffen findet. Schließlich werden Filme solcher Natur nur zu ungünstigen Sendezeiten oder auf Sendern ausgestrahlt, die nur eine begrenzte Publikumsschicht anspricht. Beim DVD-Kauf wählt der Durchschnittsbürger ebenfalls nur Filme aus, die ihm bekannt sind. Das macht es schwer, Theo Lingen in das Licht zu rücken, in das er eigentlich gehört. Selbst die, denen die ernsthaften Filmrollen von Theo Lingen bekannt sind, wissen in der Regel wenig über sein Privatleben oder seine Theaterlaufbahn. Die einzige Möglichkeit, über diese Seiten seines Lebens bzw. seines Schaffens zu berichten, sind Beiträge im Fernsehen oder in Zeitschriften, vielleicht auch Dokumentationen oder ein biographischer Film über sein Leben. Als letzte Möglichkeit bleibt wohl die traditionsreichste Version, in das Leben und das Lebenswerk von einzelnen Künstlern zu schauen: Die Biographie in Form eines Buches.


Schon im letzten Jahrhundert haben zahlreiche Schauspieler ihre Autobiographie verfasst. In der Fernsehshow "Treffpunkt Herz" aus dem Jahr 1975 gab es sogar eine eigene Showeinlage zu diesem Thema. Für diese Gesangseinlage standen große Schauspieler wie Gustav Knuth oder Elisabeth Flickenschildt auf der Bühne. In diesem Lied ging es vor allem darum, dass es eine tolle Sache ist, wenn große Persönlichkeiten ihr ereignisreiches und spannendes Leben im Rahmen einer Autobiographie nieder schreiben. An diesem Tag stand auch Theo Lingen auf der Bühne, doch an diesem Stück war er nicht beteiligt. Der Grund dafür ist, dass Theo Lingen bis 1975 noch keine Autobiographie geschrieben hatte. Angebote dafür bekam er bis zu diesem Zeitpunkt schon mehrere. Doch er war der Meinung, dass sein Leben nicht aufregend genug war, um es in Form einer Autobiographie der breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Drei Jahre später verstarb der großartige Schauspieler Theo Lingen. Auch wenn er keine Autobiographie geschrieben hat – Theo Lingen wird ewig im kollektiven Gedächtnis bleiben.


Von den vielen privaten Aufzeichnungen, Briefwechseln und Filmaufnahmen abgesehen hat Theo Lingen aber trotzdem vieles hinterlassen, das etwas mehr über die Person Theo Lingen verrät. Bereits in den 60er Jahren hat er zum Beispiel ein Interview mit sich selbst geführt, das unter dem Namen "Ich über mich" veröffentlicht wurde. Auch die Publikation "Ich bewundere..." aus den 60er Jahren lässt einen Blick in das Leben des Schauspielers zu. Außerdem wurden schon zu Lebzeiten Lingens zahlreiche Fernseh-Portraits über ihn produziert. Eine richtige Biographie gab es aber erst im Jahr 1986, als der Autor Willibald Eser sich diesem Thema angenommen hatte. Erst im vergangenem Jahr wurde im Aufbau-Verlag eine neue, ausführliche Biographie über Theo Lingen veröffentlicht. Verfasst haben diese die beiden Autoren Rolf Aurich und Wolfgang Jacobsen, die an der deutschen Kinemathek tätig sind und auch schon zahlreiche andere filmgeschichtliche Bücher verfasst haben.


Die Biographie trägt den Namen "Das Spiel mit der Maske" und macht auf den ersten Blick einen sehr guten Eindruck. Das Buch ist sehr dick, hat einen sehr edlen Einband mit einem wunderschönen Titelbild und beinhaltet einige Seiten voller teils unveröffentlichter Bilder. Wer vor dem Lesen das Buch schon einmal etwas genauer durchblättert, wird feststellen müssen, dass fast ein Viertel der Biographie mit ihren knapp 550 Seiten aus einem Anhang besteht. Der beinhaltet neben den Zahlreichen Quellen bzw. Anmerkungen eine Erklärung der im Buch enthaltenen Abkürzungen, ein Personenregister, eine Zeittafel, ein Bühnenverzeichnis, eine Filmographie, eine Audiographie, eine Liste der Rundfunkbeiträge von Theo Lingen, eine Dankesliste sowie einige Seiten mit Werbung. Dieser sehr ausführlich gestaltete Anhang zeugt von der guten und liebevollen Recherche der Autoren.


Dass die Autoren gründlich recherchiert haben, gerade was den beruflichen Werdegang von Theodor Schmitz, so Lingens eigentlicher Name, angeht, merkt man, wenn man anfängt, im Buch zu lesen. Denn dort wird scheinbar nichts ausgelassen, was Theo Lingen in seiner Theaterlaufbahn gespielt hat. Sämtliche Rollen werden ausführlich erklärt und weite Stücke der Biographie lesen sich wie Inhaltsangaben von Theaterstücken. Gerade der Anfang des Buches über die Herkunft und die Kindheit von Theo Lingen ist sehr gut gelungen. Doch sehr schnell bekommt man den Eindruck, einfach zu wenig über den eigentlichen Menschen "hinter der Maske" und das Leben von Theo Lingen zu erfahren. Natürlich ist es sehr interessant zu lesen, wie intensiv sich Theo Lingen mit dem Theaterspielen auseinander gesetzt hat, doch ebenso wie Lingen in der heutigen Zeit gerne auf seine Klamotten-Filme reduziert wird, bekommt man in diesem Buch den Eindruck, dass die Autoren sich zu sehr auf Lingens Schaffen als Theaterschauspieler konzentrieren. Während manche Theaterstücke auf mehreren Seiten (inhaltlich) erläutert werden, wird der große Fritz Lang Filmklassiker "M" in wenigen Zeilen abgehandelt. Lediglich in welcher Form Theo Lingen von Fritz Lang aufgefordert wurde, in diesem Film mit zu wirken, kann man in diesem Buch erfahren. Die Filmzeit mit Hans Moser ist das einzige kinematische Thema, das etwas ausführlicher behandelt wird. Zumindest die Pauker-Filme und Lisa-Film-Klamotten wie die "Tollen Tanten"-Filme mit Ilja Richter und Rudi Carell werden mehrere Seiten lang thematisiert. Der Rest scheint eine einfache Auflistung einzelner Theaterstücke zu sein. Lediglich als Lückenfüller scheinen die biographischen Geschehnisse zu dienen. Ausnahmen sind nur in der Zeit des Nationalsozialismus und der Zeit kurz nach dem Krieg zu finden. Die Kapitel, die sich mit diesen Zeitabschnitten befassen, sind sehr ausführlich geschildert und lassen einen guten Einblick in das Privatleben von Theo Lingen zu. Es ist sehr interessant zu lesen, wie er es schaffte, unbeschadet durch die Zeit des Dritten Reichs zu kommen. Die Freude über die Erlebnisse in den letzten 30 Jahren seines Lebens etwas zu erfahren wird schnell getrübt, als man feststellen muss, dass auch die Kapitel über diese Zeit seines Lebens, wenig mit Geschehnissen aus seinem privaten Leben gefüllt sind. Bis zum Jahr 1960 ist das Theaterspielen wieder das Hauptthema. Lediglich diverse Kinofilme und Fernsehauftritte werden noch kurz thematisiert. Außerdem wird auch deutlich gemacht, wie sehr Lingen darunter litt, am Ende seiner Karriere keine ernsthaften Rollen mehr angeboten zu bekommen.


"Theo Lingen. Das Spiel mit der Maske" ist ohne Frage ein sehr interessantes Buch, in dem die ausführlichen Recherchearbeiten von Aurich und Jacobsen wunderbar zur Geltung kommen. Da jedoch zu Schwerpunkten wie die Arbeit am Theater scheinbar mehr Material vorhanden ist als zum Privatmann Theo Lingen, bekommt man als Leser den Eindruck, etwas unvollständiges serviert zu bekommen. Hinzu kommt der Punkt, dass das Buch zum Teil etwas unzusammenhängend geschrieben ist. An manchen Stellen weiß man nicht mehr auf was sich bestimmte Sätze beziehen sollen und kommt so immer wieder aus dem Lesefluss heraus. In meinen Augen wurde die Chance versäumt, so etwas wie eine allumfassende Biographie über Theo Lingen zu veröffentlichen. Stattdessen bekommt man scheinbar sämtliche relevanten und noch nachzeichenbare Informationen über Theo Lingens Theaterlaufbahn zu lesen. Sein Privatleben wird lediglich an bestimmten Schwerpunkten wie seine Kindheit und sein Leben im Nationalsozialismus angeschnitten und auch die kinematographische Arbeit scheint fast komplett außen vor gelassen zu sein. Beim Kauf dieser Biographie sollte man diese Mängel in jedem Falle berücksichtigen. "Das Spiel mit der Maske" ist ein weiterer Versuch, den Mann hinter der Maske etwas näher kennen zu lernen, mehr leider nicht.


Wertung: 5 von 10 Punkten

Autor: Sebastian Kuboth
Ein Profil zu diesem Buch finden Sie hier: Theo Lingen - Das Spiel mit der Maske (2008)
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