Die Lümmel von der ersten Bank

Die 60er Jahre waren ein wildes Jahrzehnt, das durch viele Umbrüche und Neugestaltungen gekennzeichnet wurde. Die Jugend rebellierte, stellten Fragen, hinterfragte und ging neue, eigene Wege. Alte Strukturen bröckelten, wurden zerschlagen oder reformiert. Ein „Laden“ der diese alten Strukturen wie kaum ein anderer repräsentierte und voller grau meliertem Personal aus der miefigen alten Zeit steckte, war die Schule. Dort trafen in den 60er Jahren Welten aufeinander, wenn der oft in die Jahre gekommene Lehrkörper, der gerade die biederen und zurückgewandten 50er Jahren durchlebte und die Spießigkeit in dieser Zeit weiter festigte, es mit der aufbruchbereiten und rebellischen Jugend zu tun bekam.


Der Deutschlehrer Herbert Rösler veröffentlichte im Jahr 1963 unter dem Pseudonym Alexander Wolf den Bestseller „Zur Hölle mit den Paukern“. Diese Satire widmete sich genau diesem Thema und wurde ein voller Erfolg. Wie es sich mit erfolgreichen literarischen Werken so verhält, wurde auch diese Geschichte schnell vom Film entdeckt. Der Filmproduzent Franz Seitz setzte den Stoff in filmischer Form um und brachte ihn im Jahre 1968 unter dem Titel „Die Lümmel von der ersten Bank - 1. Trimester: Zur Hölle mit den Paukern“ in die Kinos.


Bis es soweit war brauchte Seitz jedoch noch einen Hauptdarsteller, der erst einmal gefunden werden musste. Er ging einen einfach Weg und bestellte Hansi Kraus zu sich, mit dem er bereits die „Lausbubengeschichten“-Filmreihe gedreht hatte und der - wie er erst dachte - selbst nicht für das neue Projekt passte, weil er schon zu sehr mit der „Ludig Thoma“-Rolle besetzt war. Außerdem war Kraus aus München und sprach eine entsprechende Mundart, was für Pepe Nietnagel, die Hauptfigur des Lümmel-Films, der in Baden-Baden angesiedelt war, nicht passte. Seitz fragte den Nachwuchsschauspieler, ob er in seiner Schule nicht jemanden kennen würde, der ein wenig schauspielern könne und gut in die Rolle passt. In der damaligen Schulklasse von Hansi Kraus saß der Sohn des berühmten Schauspielers Hugo Lindinger („Im weißen Rößl“, „Meister Eder und sein Pumuckl“), der selbst später im 6. Teil der Lümmel-Reihe „Morgen fällt die Schule aus“ im Jahr 1971 eine kleine Rolle als Förster spielen durfte. Kraus schlug ihn vor, weil er dachte, dass er als Sohn eines Schauspielers vielleicht ein entsprechendes Talent besäße. So kam es dazu, dass der Schulkamerad von Hansi Kraus die Rolle für „Zur Hölle mit den Paukern“ bekam. Während der ersten Drehtage (es wurde gerade die Szene am Bahnhof gedreht, als Familie Nietnagel die französische Austauschschülerin Geneviève Ponelle vom Zug abholt) weigerte sich der Regisseur Werner Jacobs mit dem Jungen weiter zu drehen, weil ihm wohl das nötige Talent fehlte und der Film so ein Desaster werden könnte. Zeit war kaum vorhanden, schließlich war die Produktion schon in vollem Gange. Und so griff der Produzent Franz Seitz kurzfristig dann doch auf Hansi Kraus zurück, was sich letzten Endes als richtig erwiesen hat. Der damals schon beliebte Filmschauspieler war von seinem Wesen her auch im wahren Leben durch und durch Lausbub und passte in die Rolle wie die Faust aufs Auge. Das Problem mit dem Dialekt konnte man leicht lösen, denn Pepes Filmvater, im ersten Teil gespielt von Georg Thomalla, klagt in einer Szene des Films, dass Pepe doch endlich mal seinen Dialekt abgewöhnen soll, da er nicht mehr im Internat in Garmisch ist.


Die Filmreihe wurde mit Hansi Kraus als Hauptdarsteller ein voller Erfolg und brachte es auf ganze sieben Filme - fast wie eine Metapher auf „Max und Moritz“ mit ihren sieben Streichen. Die Streiche sind schließlich das Salz in der Suppe in den Filmen. Aber auch viele weitere Faktoren machen die Filme sehenswert. Wie Franz Seitz selbst einmal sagte, darf man Klamauk machen, wenn er gut gemacht ist. Und diese Filme sind gut gemacht. Die Drehbücher wurden von Seitz persönlich verfasst und beinhalten viele spitzfindige Anspielungen und Dialoge, nicht selten mit kulturellen, geschichtlichen und damals politisch-aktuellen Inhalten. Hinter der Kamera stand mit Werner Jacobs ein Meister der einfachen aber gut gemachten Unterhaltung. Die unverwechselbare musikalische Untermalung setzte wie schon bei den „Lausbubengeschichten“ kein geringerer als Rolf Wilhelm um. Für die Hauptrollen konnte man an die Seite von Hansi Kraus deutsche Filmlegenden wie Theo Lingen und Rudolf Schündler stellen. Aber auch andere großartige Schauspieler wie Günther Schramm, Georg Thomalla, Balduin Baas und Ruth Stephan wirkten im ersten Film mit. Die jugendlichen Rollen wurden von heute noch immer gut beschäftigten Schauspielern wie Uschi Glas, Hannelore Elsner und Gila von Weitershausen verkörpert. In einer kleinen Rolle als Schüler ist sogar der Musiker Jürgen Drews zu sehen. In den späteren Teile der Filmreihe kamen noch Jutta Speidel, Pierre Franckh, Gerhard Acktun, Kristina Nel oder auch Heintje dazu.


Als großen Star konnte man neben Heintje damals noch Peter Alexander für zwei Teile der Reihe (Teil 2 „Zum Teufel mit der Penne“ und Teil 4 „Hurra, die Schule brennt“) gewinnen, der jedoch bei Teil 2 seinen Einfluss auf die Produktion geltend machte und somit ein bisschen was durcheinander brachte. Dass er den Namen seines Filmschwagers von „Dr. Burki“ in „Dr. Wilhelm Maria Tell“ abändern ließ, fällt niemanden auf. Dass aber aus „Nietnagel“ der Name „Notnagel“ wurde, ist etwas, was dem Zuschauer sehr wohl auffällt, schließlich heißt die Hauptfigur in sechs der sieben Filme „Nietnagel“.


Was sich ebenso oft änderte, waren Besetzungen von durchgehenden Rollen in den Filmen, was daran liegt, dass die Filme in sehr kurzen Abständen hintereinander abgedreht wurden und dadurch nicht immer alle Schauspieler verfügbar waren. So hat Pepe Nietnagl beispielsweise in sieben Filmen fünf verschiedene Väter und in zwei der sieben Filme kommt sein Vater gar nicht vor. Im ersten Teil ist es Georg Thomalla, im zweiten Teil Willy Millowitsch, im dritten Teil Gustav Knuth, im vierten Teil Wolfgang Gruner und im sechsten Teil Fritz Tillmann. Die einzigen Rollen die durchgehend von den selben Schauspielern gespielt wurden waren die von Pepe Nietnagel (Hansi Kraus), Direktor Taft (Theo Lingen), Dr. Arthur Knörz (Rudolf Schündler) und die des Pedell Bloch (Hans Terofal). Den legendären Hans Terofal muss man an dieser Stelle auch noch einmal ansprechen, der die Rolle des Pedells grandios verkörperte und mit seiner Art und Weise schon fast an Karl Valentin erinnert. Terofal war dabei nur ein Künstlername - eigentlich hieß er Hans Seitz und war der Bruder des Produzenten Franz Seitz, der sich bei der Nennung als Drehbuchautor selbst Georg Laforet nannte. Terofal ist ein Ananym von Laforet und ist der Name eines Vorfahrens der Seitz-Brüder, der aus Frankreich stammte. Ihr gemeinsamer Großvater Xaver Terofal war selbst Schauspieler und verwendete erstmals diese Namensdrehung.


Die Filme selbst spielen alle in Baden Baden, wurden aber an unterschiedlichen Orten gedreht,. Während der erste Teil in Hamburg gedreht wurde, fanden die Dreharbeiten für den zweiten Teil (bei dem sich Horst Wendtlandt als Produzent mit einklinkte) in Berlin statt. Teil 3 bis Teil 7, die allesamt Franz Seitz produzierte, wurden im Münchner Maximiliansgymnasium gedreht. Während an der Seite von Hansi Kraus als Mitschüler in den ersten Filmen noch Jungschauspieler und Komparsen saßen, entwickelte es sich in München, dass im Laufe der Filmreihe sogar echte Mitschüler von ihm an seiner Seite vor der Kamera agieren durften, was für Kraus natürlich eine angenehme Sache war.


Viele Jahre nach den „Lümmel“-Filmen gab es noch ein überraschendes Erlebnis für Hansi Kraus, als seine damalige Film-Mitschülerin Jutta Speidel in einer Talkshow zu Gast war und gefragt wurde, wie sie zum Film kam. Sie erzählte, dass sie als junges Mädchen in Hansi Kraus verliebt war, ihm nahe sein wollte und sich deswegen für eine Rolle in den Paukerfilmen beworben hatte. Diese Geschichte sorgte dafür, dass Hansi Kraus fast vom Hocker gefallen ist, denn das hat er während den gemeinsamen Filmjahren von ihr nie erfahren.


Hansi Kraus selbst war kein guter Schüler und musste aufgrund seiner schauspielerischen Tätigkeiten sogar die Schule wechseln. Denn der Direktor seines Gymnasiums wies ihn darauf hin, dass er aufgrund seiner schlechten Zensuren von der Schule fliegt, wenn es mit der Filmerei weiter gehen sollte. Schließlich sind die Ferien zum Erholen da und nicht zum Filme drehen. Es folgten weitere Filme und der Direktor machte seine Drohung wahr. In der neuen Schule wurde er dann von den Lehrern deutlich besser behandelt.


Auch während seiner Schulzeit waren ihm Streiche nicht fremd. Es kam sogar dazu, dass ein Streich, den Hansi Kraus selbst in seiner Schule inszenierte, in einen der Lümmel-Filme eingebaut wurde. Kraus und seine Mitschüler haben den Pausenton mit Hilfe eines Tonbandgerätes aufgezeichnet und mitten im Unterricht abgespielt. Dass im Film der Streich mit einem größeren Unterhaltungswert umgesetzt wurde und einen größeren Effekt hatte, kann man sich denken.


Die Filmreihe „Die Lümmel von der ersten Bank“ hat nicht nur die Rebellion und den Zeitgeist der Jugend in den späten 60er Jahre auf die Leinwand gebracht, sondern das komplette Filmgenre „Paukerfilm“ begründet, der mit Filmen wie „Die Feuerzangenbowle“ (1944) oder „Der Musterknabe“ (1963) schon einige Vorläufer hatte. In der Zeit um 1970 wurden von anderen Filmfirmen noch viele weitere Filme produziert, die genau diesem Schema folgten. Filme aus der „Lümmel“-Reihe wurden zu den erfolgreichsten Filme der jeweiligen Jahre. Teil 2 „Zum Teufel mit der Penne“ von 1969 steht im Jahr 2014 noch immer mit 6 Millionen Besuchern auf Platz 14 der Liste mit den erfolgreichsten bundesdeutschen Kinofilmen. Bis heute ist die Filmreihe beliebt bei Groß und Klein. Es vergeht kaum ein Sonntag an dem nicht einer dieser Filme im Fernsehen läuft, wieder unzählige Zuschauer begeistert und Jahr für Jahr neue Fans gewinnen kann. Es wird wohl kaum einen Film von heute geben, von dem man das in 50 Jahren sagen können wird.


Autor: Sebastian Kuboth
Eine abgewandelte Form des Textes wurde im Beiheft der damaligen DVD-Veröffentlichung abgedruckt.

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