. Was ich mit "nicht entscheiden" meine, ist zum Beispiel der Tod von Frau und Tochter. Es wird kurz gezeigt, wie sie umgebracht werden, wobei fast alles von Zwischentiteln erklärt wird. Entsetzen und Tod werden in einer kurzen Szene angedeutet. Dann fällt das Thema völlig unter den Tisch. Irgendwann kommt ein Zwischentitel, dass der Ehemann seine Trauer beim Grab erlebt. Es wird kurz das Grab gezeigt. Fritzi Massary taucht da schon auf. Dann erklärt ein Zwischentitel alles über das Werben und das Nachgeben bzw. die Zustimmung zur Hochzeit. Und ein Bild visualisiert kurz die Hochzeit. Das einzige, was die Bilder inhaltlich zu diesem ganzen Strang beitragen, ist, dass Kayssler von dem Tod erfährt und die beiden Toten findet und kurz zu Boden geht. Das ist alles. Da war man schon um die Wende des Jahrzehnts deutlich weiter. Ich habe gestern noch "Genuine" (1920) gesehen. Da ist das ganz anders. Und Asta Nielsens "Hamlet" wird genau wegen dieser Titellastigkeit kritisiert. Das waren jetzt zwei Beispiele.
Ich hab' eben noch mal kurz diese Sequenz gesehen und nehme das nach wie vor anders wahr. Da wird doch an Zwischentiteln nur gesagt: "Rächt unsere Männer! Nieder mit Allan!", letzteres noch mal einzeln wiederholt. Klar, das hätte man auch ohne Text verstanden, aber so - ebenfalls wieder wie bei sowjetischen Filmen - wird die Botschaft quasi 'eingehämmert', die Spannung intensiviert. Das muß man nicht mögen, aber wenn man deine Beschreibung liest, dann könnte man glauben, da gäbe es jetzt einen ewig langen Zwischentext, der mir erklärt, daß die Frauen wutentbrannt auf die Jagd nach Allans Frau und Tochter gehen und diese dann im Affekt töten. Und genau so was hab' ich natürlich in anderen Stummfilmen schon erlebt, und da nervt es mich auch.
Daß bei diesem Film dann trotzdem einiges mittels Zwischentitel 'gerafft' erklärt wird und man das Werben zum Beispiel nicht ausführlich sieht könnte eventuell auch daran liegen, daß es sich hier um eine Literaturverfilmung handelt und vielleicht nicht zu viele Ereignisse aus dem Roman wegfallen sollten (oder der Film übermäßig lang sein sollte). Da muß dann halt manches einfach mal 'erklärt' werden. Asta Nielsens "Hamlet" habe ich jetzt nicht in Erinnerung, aber da's ja eben die Verfilmung eines ausgesprochen langen Shakespeare-Stücks ist, könnte ich mir die Titellastigkeit dort ebenso erklären.
Was die Bedeutung Reinhardts angeht (der ja selbst zwei sehr gelungene Stummfilme gedreht hat in den 1910ern!), bin ich völlig deiner Meinung. Ich weiß allerdings nicht, welche Regisseure bei Reinhardt angefangen haben (außer Murnau); die Zahl der Schauspieler ist allerdings wirklich Legion....