Der Erdogan Schmäh-Thread!

  • Ja, ich habe manchmal eine spitze Tastatur. Aber wenn wir sagen, was Satire darf, müssen wir zunächst wissen, was Satire ist. Wenn wir alles und jeden beleidigen, denunzieren, verspotten, lächerlich machen, dann aber vor Gericht sagen: War doch alles nur Satire! Was glaubt ihr, was der Richter dann macht? Kurzen Prozess wahrscheinlich.


    Ich könnte jetzt auch behaupten, Satire kann nichts, das war auch Satire. Aber Satire kann ich nicht, nur Humor, weil der einfacher ist. Satire darf nicht nur, Satire muss auch. Und zwar Satire bleiben. Wer nicht weiß, was Satire ist, der sollte sich künstlerisch anderweitig betätigen. Ich kann niemanden der Betrachtung von Kinderpornografie bezichtigen und dann von Satire sprechen. Mir fehlt der Zusammenhang zwischen diesem Satz und dem politischen Weltgeschehen.


    Satire können nur die wenigsten. Dieter Hildebrandt war so einer der wenigen. An den reicht keiner ran. Der wäre mit Sicherheit in der Lage gewesen, Erdogan so zu verspotten, dass der nicht anders hätte können als eben mal kurz in den Keller zu gehen, damit keiner merkt, dass er auch lachen kann. :D


    Fazit: Satire ist wie Atomkraft: nicht wirklich beherrschbar.

    Ich habe es satt, die Menschen zu durchschauen. Es ist so leicht, und es führt zu nichts.

    Elias Canetti


  • Mich würde mal interessieren, was los wäre, wenn ein bekannter Künstler so etwas zum Thema Flüchtlinge oder Juden machen würde. Da wäre die Hölle los. Auch zurecht.


    Das spitzt meine Aussage lediglich zu, aber es ist kein Gegenargument. "Was wäre wenn..." ist ein Ausdruck, den man für jedes Beispiel verwenden kann um einer Aussage mehr Gewicht zu verleihen.

    In akteur ûnthâldt syn earste stik publisearre lof. It is op syn hert skreaun. (Conrad Veidt)


    Heuge? Myn namme is Conrad 8o

  • Ja, ich habe manchmal eine spitze Tastatur. Aber wenn wir sagen, was Satire darf, müssen wir zunächst wissen, was Satire ist. Wenn wir alles und jeden beleidigen, denunzieren, verspotten, lächerlich machen, dann aber vor Gericht sagen: War doch alles nur Satire! Was glaubt ihr, was der Richter dann macht? Kurzen Prozess wahrscheinlich.


    Ich könnte jetzt auch behaupten, Satire kann nichts, das war auch Satire. Aber Satire kann ich nicht, nur Humor, weil der einfacher ist. Satire darf nicht nur, Satire muss auch. Und zwar Satire bleiben. Wer nicht weiß, was Satire ist, der sollte sich künstlerisch anderweitig betätigen.


    Ein deutliches Wort und sehr streng - insbesondere der letzte Satz! Allerdings machst du es dir zu einfach: Deine einzige positive Aussage ist deine strenge Forderung. Ansonsten steckst du einfach ganz grob die Grenzen ab, denn irgendwo dazwischen wird 'Satire' schon sein.
    Genau das ist das beste Beispiel für meine Aussagen bezüglich der Gefahr, die Artikel 5 droht - vage Grenzen. Du hast einen Beleg dafür geliefert, dass sie richtig ist!


    Ich hoffe, dass du nicht so obrigkeitshörig bist, um einen Richter definieren zu lassen, was Satire ist - so etwas hatten wir nämlich schon mehrfach in der deutschen Geschichte. Bevor du also jemandem die Berufsberechtigung absprichst, weil er seine Aufgabe nicht erfüllt, musst du ihm schon erklären, was seine Aufgabe ist. Und das bedeutet in diesem Fall, dass du eine genaue Definition von Satire lieferst und klar die Grenzen absteckst, was dazu zählt und was durchs Raster fällt.

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    Heuge? Myn namme is Conrad 8o

  • Austernprinzessin
    Mich würde eben mal interessieren wie die meisten, die jetzt von Meinungsfreiheit und "Satire darf alles" reden, reagieren, wenn das Ziel ein anderes ist als Erdogan. Solche Vergleiche und Gegenbeispiele müssen leider sein, um ein ganzes Bild erzeugen zu können. Sie zeigen eben auf, dass die Sache oft nicht so einfach ist wie viele tun. Man sollte da immer alle Seiten betrachten, um das Ganze erfassen zu können.


    Ich sehe es fast uneingeschränkt wie No Nick. Auch schön, dass wir mal einer Ansicht sind ;-)


    Das Problem, die Grenzen abzustecken ist auf jeden Fall ein Problem. Das ist für mich aber kein Argument, alles zuzulassen. Ob/wie man dagagen vorgehen soll ist ein anderes Thema. Ich sage jetzt nicht, dass Böhmermann ins Gefängnis soll. Wie das gehandhabt werden soll, weiss ich nicht. Bzw. ob man es überhaupt ahnden soll - für mich ist das einfach eine Sache von Vernunft und Mitmenschlichkeit, auch im humoristischen Rahmen sich respektvoll mit anderen Menschen auseinander zu setzen - auch wenn er mein "Feind" ist, auch wenn er selbst einiges auf dem Kerbholz hat.


    Und es ist eben nicht so, dass nur bei "Satire" die Grenzen nicht ganz klar zu stecken sind. Gesetzestexte wie "Störung des öffentlichen Friedens", Hassrede, Volksverhetzung und ein vielleicht kommendes Toleranzgesetz sind Beispiele die mir einfallen. Gerade bei den neuen Offensiven von Leuten wie Maas und der EU geht es immer mehr ans Eingemachte.

    „Glaube denen, die die Wahrheit suchen, und zweifle an denen, die sie gefunden haben.“


    André Gide

  • Austernprinzessin
    Mich würde eben mal interessieren wie die meisten, die jetzt von Meinungsfreiheit und "Satire darf alles" reden, reagieren, wenn das Ziel ein anderes ist als Erdogan. Solche Vergleiche und Gegenbeispiele müssen leider sein, um ein ganzes Bild erzeugen zu können. Sie zeigen eben auf, dass die Sache oft nicht so einfach ist wie viele tun. Man sollte da immer alle Seiten betrachten, um das Ganze erfassen zu können.


    Diese Frage kannst du selber beantworten, wenn du sorgfältig meine Beiträge liest. In diesem Fall ist es Absatz drei meines Beitrags gestern 14:59.
    Ich habe meinen Standpunkt ganz klar dargelegt, mit eindeutigen Aussagen, und deshalb könnt ihr auf alle eure Fragen die Antwort selber finden.
    Das einzige, was ich von euch verlange, ist, dass ihr eindeutige Aussagen gegen meine setzt, die eindeutige Schlussfolgerungen zulassen und meine Aussagen widerlegen.
    Bis jetzt habt ihr nichts zu einem ganzen Bild beigetragen. Ihr habt auch keine Seiten betrachtet, sondern ihr habt vor allem hypothetische "Was ist, wenn..." Fragen dagegengesetzt. Die könnt ihr euch anhand meiner eindeutigen Aussagen selber beantworten.
    Das gleiche gilt für Negativbeispiele ober Behauptungen ohne Absicherung. Die verzichten auf eindeutige Aussagen, und laden der anderen Seite die Last auf, sich in dem Gewirr zurechtzufinden.


    Als Beispiel nehme ich jetzt mal einen Beitrag von No Nick von gestern, der euer Problem deutlich macht. Ich markiere jetzt mal die Aussagen und schreibe die Fragen dahinter, die alle offen bleiben müssen




    Aber wenn wir sagen, was Satire darf, müssen wir zunächst wissen, was Satire ist. Was ist Satire? Wenn wir alles und jeden beleidigen, denunzieren, verspotten, lächerlich machen, dann aber vor Gericht sagen: War doch alles nur Satire! Was glaubt ihr, was der Richter dann macht? Kurzen Prozess wahrscheinlich. Offenbar geht der Richter also davon aus, dass das keine Satire ist. Aber warum? Ist es berechtigt, dass er davon ausgeht? Was ist denn Satire?


    Ich könnte jetzt auch behaupten, Satire kann nichts, das war auch Satire. Aber Satire kann ich nicht, nur Humor, weil der einfacher ist Offenbar liegt also ein Unterschied zwischen Satire und Humor. Aber welcher? Was ist Satire, und was ist Humor?. Satire darf nicht nur, Satire muss auch. Und zwar Satire bleiben. Was ist also Satire? Wer nicht weiß, was Satire ist, der sollte sich künstlerisch anderweitig betätigen.Wer weiß nicht, was Satire ist? Was ist denn Satire? Ich kann niemanden der Betrachtung von Kinderpornografie bezichtigen und dann von Satire sprechen Weshalb kann das niemand? Was ist denn Satire. Mir fehlt der Zusammenhang zwischen diesem Satz und dem politischen Weltgeschehen. Offenbar muss ein Zusammenhang zwischen Satire und dem politischen Weltgeschehen bestehen. Was ist denn Satire?

    Es läuft alles auf das Gleiche heraus: Es werden Grenzen gezogen: Bestimmte Sachen darf man nicht machen, weil der Richter offenbar kurzen Prozess macht. Zwischen Humor und Satire ist ein gewisser Unterschied. Im Fall, dass man nicht weiß, was Satire ist, darf man nicht als Kabarettist arbeiten. Es muss bei Satire ein Zusammenhang mit dem politischen Weltgeschehen liegen.


    All diese Aussagen hängen in der Luft bzw. sind absolut unscharf, weil die zentrale Frage offenbleibt: Was ist Satire? Wo genau sind ihre Grenzen? Was sind ihre Aufgaben?
    Und dann benötigt man noch einen klaren Maßstab, der allgemein anwendbar ist, damit man ihn auf alle Fälle anwenden kann.


    Bis jetzt hat niemand von euch diese Fragen beantwortet oder einen klaren Maßstab geliefert.

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    Heuge? Myn namme is Conrad 8o

    Edited 5 times, last by Austernprinzessin ().

  • Dann versuch ich mal mein Glück ;-) Deine Fragestellung geht also nur darauf hinaus, was nun denn Satire ist. Was ist es denn nun?


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    Was ist Satire? Offenbar geht der Richter also davon aus, dass das keine Satire ist. Aber warum? Ist es berechtigt, dass er davon ausgeht? Was ist denn Satire?


    Die Frage können wir Dir aber auch stellen. Satire ist in meinen Augen jedenfalls nicht eine ausschließliche Abfolge von Beleidigungen - dann auch noch meist unter der Gürtellinie. Auch nicht, wenn man es versucht lustig zu verpacken. Wenn ich mich irre, freue ich mich über Aufklärung.


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    Was ist also Satire?


    Ja, bitte, erkläre es mir. Satire ist Spott und Überspitzung...?


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    Es werden Grenzen gezogen: Bestimmte Sachen darf man nicht machen, weil der Richter offenbar kurzen Prozess macht.


    Bestimmte Sachen sollte man aus eigenen Antrieb, aus gegenseitigen Respekt, Anstand usw nicht machen: Richter spielen in meiner Argumentation dabei erstmal keine Rolle. Wie man das dann handhaben sollte, das gilt es zu klären. Grenzen sollte es aber geben. So ist nahezu alles auf der Erde und im Leben ausgelegt und das ist auch gut so und hat seinen Zweck und seinen Sinn


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    Bis jetzt hat niemand von euch diese Fragen beantwortet oder einen klaren Maßstab geliefert.


    Doch, ich habe glaube ich schon mehrfach geschrieben, dass Satire für mich nicht einfach nur Beleidigungen sind. Selbst wenn man versucht es als Satire zu verkaufen. Satire darf überspitzen, Satire darf spöttisch sein... das gehört glaube ich nicht zur offiziellen Definition, aber für meinen Geschmack sollte es auch zum Nachdenken anregen, Leuten die Sachlagen besser darlegen bzw. konstruktiv sein in seiner Kritik. Es darf auch plump sein, aber eben nicht einfach nur beleidigend. Weil dann ist es eine Beleidigung und keine Satire.


    Einfach zu schreiben "Satire darf alles" ist eben auch nicht sonderlich hilfreich, wenn die Definition der Satire noch nicht geklärt ist.

    „Glaube denen, die die Wahrheit suchen, und zweifle an denen, die sie gefunden haben.“


    André Gide

  • Ich schreibe jetzt einfach Zitat 1 etc. Sonst wird es zu unübersichtlich.


    Zitat 1: Du bleibst wieder bei deinen negativen Aussagen. Und davor stellst du eine hypothetische Frage. Damit willst du mir die Last einer Antwort aufladen, weil du auf eine positive Aussage verzichtest. Ich habe eine positive Aussage bereits gemacht. Jetzt bist du dran. Ich nehme dir nicht die Last ab, meine eigene Aussage zu widerlegen.


    Zitat 2: Das musst du No Nick fragen. Er hat diese Aussagen gemacht. Er muss sie also auch absichern, indem er dir sagt, was Satire ist.


    Zitat 3: Bei deinen ersten zwei Sätzen stimme ich dir zu. Der erste Satz ist zwar vage, aber er lässt dem 'Täter' die Freiheit, selber zu entscheiden und seine Entscheidung ggf. zu begründen. Du legst ihm also kein Korsett auf. Bei deinen letzten Sätzen stimme ich dir auch zu. Ich habe ja nicht gesagt, dass ihr keine Grenzen ziehen dürft, sondern ich habe gesagt, dass ihr sie eindeutig ziehen sollt.


    Zitat 4: Solange du schreibst "für mich" ist das absolut in Ordnung. Ich habe nicht gesagt, dass ihr keine Meinung haben dürft, sondern dass ihr eure Meinung nicht absolutsetzen sollt. Und das tust du hier nicht. Wobei immer noch nicht klar ist, wo die Beleidigung anfängt und die Satire aufhört. Das wird dich die Person (zurecht) fragen, der du vorwirfst, sie habe diese Grenze überschritten.


    Ich habe nicht gesagt, dass Satire grundsätzlich immer alles darf. So eindimensional war meine Aussage nicht, sondern mehrschichtig und damit deutlich komplexer. Da musst du mich schon genau lesen und darfst meine Aussagen nicht verkürzt wiedergeben.

    In akteur ûnthâldt syn earste stik publisearre lof. It is op syn hert skreaun. (Conrad Veidt)


    Heuge? Myn namme is Conrad 8o

  • Dass das "eindeutig grenzen" ziehen gerade bei Satire schwer ist, ist ja unumstritten. Dass die Böhmermann-Sache ganz klar die Grenzen überschritten hat, ist für meinen Geschmack auch unumstritten. Und darum geht es in meiner subjektiven Wahrnehmung. Wo die Grenze genau liegt, müsste man debattieren. Gerade wenn man rechtsstaatlich gegen die Grenzüberschreitungen vorgeht. Wahrscheinlich ist das nur schwer möglich. Und wie ich in einem anderen Beitrag schon geschrieben habe, sind diese klaren Grenzen auch bei anderen Sachlagen nicht definiert. Und bei anderen Sachlagen ist das ebenso kritisch zu sehen wie beim Thema Satire.
    Wenn ich jetzt mal versuchen soll, Grenzen zu ziehen, was nicht meiner Kompetenz entspricht und es ist auch nicht mein Fachgebiet, würde ich sagen, dass es bei Beleidigungen und nicht nachweisbaren Unterstellungen (verleumdung) aufhört, auch bei Satire. Ebenso beim Aufruf zur Gewalt und zu Straftaten. Wenn was dagegen spricht, dürft ihr es gerne nennen.


    Quote

    Solange du schreibst "für mich" ist das absolut in Ordnung. Ich habe nicht gesagt, dass ihr keine Meinung haben dürft, sondern dass ihr eure Meinung nicht absolutsetzen sollt. Und das tust du hier nicht.


    Meine Beiträge waren in diesem Thema immer so formuliert. Es geht hier um meine Meinung. Und ich habe weder geschrieben "sperrt ihn ein", noch "freiheit für Böhmermann". Ich finde, dass sein Beitrag beleidigend war und dass man dies nicht tun sollte. Ob dies bestraft werden soll, wäre eine nächste Frage. Da ich von den Herrschenden Personen, von Böhmermann, von Erdogan und erst recht nicht von Merkel besonders viel halte, nehme ich da gerne den beobachtenden Posten ein. Und da sehe ich nicht ein, wieso ich mich im Falle Böhmermanns für angebliche Meinungsfreiheit (die er in meinen Augen nicht wahrgenommen hat, sondern er hat lediglich beleidigt) stark machen soll, währen seit Jahren und in den letzten Jahren verstärkt Leute die eine andere Meinung als die, die gewollt ist, haben, durch Politik, Medien und Teile der Gesellschaft nieder gemacht werden, diffamiert werden, ihnen Unwahrheiten angehängt werden usw. - und das wird gesetzlich immer mehr verschäft, genau mit solchen unklaren Grenzen, die nicht definitiert sind und die man dann auslegen kann wie man es braucht. Da sehe ich den Handlungsbedarf.


    Deine Aussagen möchte ich auf keinen Fall verkürzen oder falsch wiedergeben. Die Beiträge von heute habe ich ganz genau gelesen, es kann sein, dass ich frühere Beiträge in der Eile (wenn ich mal nur kurz am Rechners ein kann) etwas zu schnell gelesen habe. Was bei solchen Themen milde gesagt nicht so gut ist. Wenn Du es schnell findest, kannst Du mir gerne nochmal Deine "Positive Aussage" zitieren. Ansonsten versuche ich, wenn ich dazu komme, nochmal die früheren Beiträge durchzuschauen.

    „Glaube denen, die die Wahrheit suchen, und zweifle an denen, die sie gefunden haben.“


    André Gide

    Edited once, last by Vogel Specht ().


  • Zitat.jpg
    Mich würde mal interessieren, was los wäre, wenn ein bekannter Künstler so etwas zum Thema Flüchtlinge oder Juden machen würde. Da wäre die Hölle los. Auch zurecht.
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    Nicht ganz! Über die verkorkste Flüchtlingspolitik der Regierung, der Kanzlerin und den Senfzusatz der Zivilgesellschaft könnte es sehr wohl nicht nur eine, sondern gleich mehrere Satiresendungen geben - wenn die Staatssender dies erlauben würden.

    Allseitiger Unbeliebtheit erfreuen sich Deutsche, die über ein Gedächtnis verfügen und Geschichtskenntnisse besitzen.


    © Wilhelm Schwöbel (1920 - 2008), deutscher Zoologe und Aphoristiker

  • Satire kann ich nicht definieren, weil ich ja schon sagte, dass ich Satire nicht kann. Ein Punkt wäre vielleicht, dass Satire einen zum Lachen bringen sollte. Es darf einem auch rote Ohren verleihen, wenn man sie hört oder liest.


    Es gibt z.B. auch den Begriff der negativen Definition, d.h. es wird alles aufgezählt, was Satire NICHT ist. Vielleicht ist das einfacher. Satire ist nicht: Beleidigung, Unterstellung, Bloßstellung.


    Positiv definiert: Satire ist bissig, ironisch, sarkastisch, auch übertrieben, aber auch persönlich. Die Würze der Satire liegt für mich in der Nuance., also nicht offen aussprechen, was man denkt, sondern eher durch die Blume.


    Wikipedia definiert Satire als "einen künstlerisch gestalteten Prosatext, in dem Personen, Ereignisse oder Zustände verspottet oder angeprangert werden." In seiner ursprünglichen Bedeutung ist Satire eine Spottdichtung, was dem, was Jan Böhmermann gemacht hat, zugegebenermaßen nahekommt. Das Wort stammt vom lateinischen satyra, und bedeutet "mit Früchten gefüllte Schale".


    Kurt Tucholsky hat über Satire ein ganzes Buch geschrieben. Hier einige Zitate:


    "Die echte Satire ist blutreinigend: und wer gesundes Blut hat, der hat auch einen starken Teint. Was darf Satire? Alles."


    "Die Satire muss übertreiben und ist ihrem tiefsten Wesen nach ungerecht. Sie bläst die Wahrheit auf, damit sie deutlicher wird, und sie kann gar nicht anders arbeiten als nach dem Bibelwort: Es leiden die Gerechten mit den Ungerechten."


    "Satire hat eine Grenze nach oben: Buddha entzieht sich ihr. Satire hat auch eine Grenze nach unten. In Deutschland etwa die herrschenden faschistischen Mächte. Es lohnt nicht – so tief kann man nicht schießen."


    Das vielleicht mal als erster Denkansatz. Eine rechtlich festgelegt Definition gibt es nicht, darf es auch nicht geben. Austernprinzessin: Und daraus ziehe ich auch die Konsequenz, dass eben nur ein Richter hier zumindest vage Grenzen einziehen kann und darf. Das hat nichts mit Obrigkeitshörigkeit zu tun (ich finde den Begriff schon ziemlich danebengelungen), sondern damit, dass die Justiz eben auch die Aufgabe hat, die Auslegung von Recht und Gesetz auszuarbeiten. Das ist auch kein Problem, denn Richter sind an Recht und Gesetz gebunden. Sie sind zwar unabhängig, können Recht aber nur gestalten, nicht ändern.


    Das hieße, wenn Herr Böhmermann also nun "verknackt" wird, steht ihm der Rechtsweg offen: Amtsgericht, Landgericht, Oberlandesgericht, Bundesgerichtshof, Bundesverfassungsgericht, Europäischer Gerichtshof für Menschenrechte. Mit anderen Worten: Es könnte uns noch eine ganze Weile beschäftigen.

    Ich habe es satt, die Menschen zu durchschauen. Es ist so leicht, und es führt zu nichts.

    Elias Canetti

  • Was ist eigentlich nicht mehr für möglich gehalten habe, ist nun doch mit aller Wucht eingetreten:
    Merkel hat sich Erdogan gebeugt - ist seinen Forderungen nachgekommen und erlaubt eine Strafverfolgung gegen Böhmermann., wobei e
    Maßgebend ist hierbei der Paragraph 103 (Majestätsbeleidigung) - darum ist eine Zustimmung der Bundesregierung bei dieser Art der Strafverfolgung nötig.
    Ein Sieg für Erdogan, der jetzt noch schärfer gegen seine Kritiker im eigenen Land vorgehen kann, da er sich auf Angela Merkel berufen wird, die "auf seiner Linie" dargestellt wird.


    Die Hilflosigkeit von Frau Merkel wurde auch mit einem Nebensatz bestätigt - nämlich die „enge Freundschaft“ mit der Türkei, die sich auch daraus speise, daß viele Türken in Deutschland leben.


    Ob eventuell noch Obama seine Hand im Spiel hatte, um Frau Merkel "zu ermutigen", in diesem Falle auf Erdogans Wünsche einzugehen, wird vermutlich im Unklaren bleiben.


    Sicher bezw. Fakt ist jedenfalls: Die BRD ist eine Bananenrepublik - egal auch immer, von wem sie bedrängt wurde - ob von Erdogan oder Obama.

    Allseitiger Unbeliebtheit erfreuen sich Deutsche, die über ein Gedächtnis verfügen und Geschichtskenntnisse besitzen.


    © Wilhelm Schwöbel (1920 - 2008), deutscher Zoologe und Aphoristiker

  • Ich wage mal wieder eine Prognose:


    Jan Böhmermann wird nicht ins Gefängnis müssen. Wahrscheinlich wird er nicht einmal verurteilt.


    § 103 StGB ist hier nicht anwendbar, dazu hätte sich Erdogan in Deutschland aufhalten müssen, und zwar offiziell, nicht als Privatmann oder inkognito. Er war aber nicht da. Somit käme bestenfalls nur der § 185 StGB (Beleidigung) in Betracht. Die wird aber gem. § 194 nur auf Antrag verfolgt. Beharrt Herr Erdogan oder die Staatsanwaltschaft auf den § 103, so ist Böhmermann zwingend freizusprechen.


    § 185 sieht eine Freiheitsstrafe von höchstens einem Jahr vor. Ich gehe davon aus, dass die zur Bewährung ausgesetzt würde, falls der Richter nicht doch eure Argumentation folgt und die Tat als Satire wertet.


    Woran Erdogan auf jeden Fall verzweifeln wird, ist die unabhängige Justiz. Die kennt er nicht, einen Freispruch würde er niemals verstehen. Ich aber halte ihn für höchst wahrscheinlich.

    Ich habe es satt, die Menschen zu durchschauen. Es ist so leicht, und es führt zu nichts.

    Elias Canetti

  • Dieser Böhmermann, den ich höchstens für einen Komödianten, eher einen Kasper, aber gewiss keinen Satiriker halte, wird sich wohl gedacht haben, Humor sei, wenn man trotzdem lacht. Dass das ZDF als staatlicher Sender diesen Beitrag überhaupt ausgestrahlt hat, ist für mich übrigens ein weiterer Beweis für das auf Grund gesunkene Niveau im deutschen Fernsehen. Ein solcher Stil wäre dort vor 20, 30 Jahren undenkbar gewesen.
    Ich kann hieran einfach nichts erkennen, was in irgendeiner Form geeignet wäre, Erdogans Politik zu kritisieren oder eine konstruktive Debatte über die Grenzen der Kunst- und Pressefreiheit auszulösen. Einzig interessant daran finde ich noch zu sehen, wie sich eine "transnationale" Beleidigung juristisch und politisch niederschlägt. Wenn Böhmermann schon dabei ist, sollte er gleich noch ein ähnliches Gedicht über Netanjahu oder Obama verfassen, denn ohne Vergleich ist die ganze Sache witzlos.
    Jedenfalls muss in Sachen Satire nicht alles, was erlaubt und kontrovers ist, auch besonders klug sein (was dem "Dichter" fortan klar sein dürfte, zumal er unter Polizeischutz steht), was z.B. ebenso für die Mohammed-Karikaturen gilt.


    Vielleicht handelt es sich auch nur wieder mal um eine groß angelegte Verschwörung, damit Erdogan uns nun zur Strafe eine Million weiterer Flüchtlinge aufbrummen kann. :D

  • Austernprinzessin: Und daraus ziehe ich auch die Konsequenz, dass eben nur ein Richter hier zumindest vage Grenzen einziehen kann und darf. Das hat nichts mit Obrigkeitshörigkeit zu tun (ich finde den Begriff schon ziemlich danebengelungen), sondern damit, dass die Justiz eben auch die Aufgabe hat, die Auslegung von Recht und Gesetz auszuarbeiten. Das ist auch kein Problem, denn Richter sind an Recht und Gesetz gebunden. Sie sind zwar unabhängig, können Recht aber nur gestalten, nicht ändern.


    Das tut mir leid, No Nick, aber das ist genau das, was ich unter Obrigkeitshörigkeit verstehe, dieses absolute Vertrauen in Autoritäten, nur weil sie Beamte sind und an "Recht und Gesetz" gebunden. Das bedeutet auch eine Menge an Spielraum, und mit ein bisschen Übung kann man sich immer hinter irgendwelchen Regularien und Gesetzen verschanzen. Das ist jetzt keine bloße Behauptung, sondern eine Erfahrung, die ich schon häufig gemacht habe. Ich habe auch schon mehrfach gemerkt, wie leicht solche Leute ins Schleudern geraten können, wenn man dieses Spielchen ein bisschen besser beherrscht als sie.


    Als Ergänzung möchte ich dich daran erinnern, wie spielend leicht führende Beamte den Schritt vom Dritten Reich in die BRD vollziehen konnten - auch Richter.

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  • Deine Aussagen möchte ich auf keinen Fall verkürzen oder falsch wiedergeben. Die Beiträge von heute habe ich ganz genau gelesen, es kann sein, dass ich frühere Beiträge in der Eile (wenn ich mal nur kurz am Rechners ein kann) etwas zu schnell gelesen habe. Was bei solchen Themen milde gesagt nicht so gut ist. Wenn Du es schnell findest, kannst Du mir gerne nochmal Deine "Positive Aussage" zitieren. Ansonsten versuche ich, wenn ich dazu komme, nochmal die früheren Beiträge durchzuschauen.


    Ganz kurz zusammengefasst, ist das ein Teil meines Plädoyers für Meinungfreiheit. Grundsätzlich ist jede Äußerung erlaubt, und damit darf auch (jetzt sehr verkürzt gesagt) jeder "Fehler" gemacht werden. Bei Satire kommt auch noch dazu, dass sie Finger in Wunden legen muss, und auch schon deshalb die absolute Freiheit dafür braucht.
    Und es gibt natürlich "problematische" Fälle, aber die müssen alle gesondert betrachtet werden, und man darf nicht versuchen, sie von vornherein unmöglich zu machen.

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  • Bzgl. den Richtern sehe ich es ähnlich wie Conrad. Wobei ich mich da nicht so sehr auskenne. Aber schon mehrfach gehört habe, dass die Richter alle ihre Parteibücher in der Tasche haben.


    Ansonsten finde ich Deine Ausführungen in Ordnung und nachvollziehbar. Im Grunde sind wir da auch sehr eng beisammen. Nur dass ich den Böhmermann-Fall als "problematischen Fall" ansehen würde, denn es geht um die Art und Weise (auch Kalkofe hat ja geschildert, dass man über diesen Fall ohne Frage diskutieren kann bzw. muss - ich weiss jetzt gerade nicht mehr wie er es genau ausgedrückt hat), und nicht wer das Opfer ist - ob es jemand ist der mir passt oder nicht passt. Davon scheinen viele ihre Meinung über diesen Fall abhängig zu machen.

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    André Gide

  • Aber das ist ja wieder mal typisch: Ich weiß von nichts, habe aber mal gehört, und darum finde ich es nicht gut. Ein anderer schmeißt Beamte und Richter zusammen und spricht von Erfahrungen, die man ja angeblich schon gemacht habe. Ich weiß ja nicht, wie oft ihr so vor Gericht steht, aber egal. Ich bin einfach nur sauer, weil hier einfach wieder einmal zu viele Blinde über Farben sprechen.


    Entschuldigt meinen Ausbruch, aber ich habe es einfach satt, immer wieder von vorn anfangen zu müssen. Was ich zu sagen habe, steht in meinen gut 400 Beiträgen zuvor, ich mag das alles nicht noch einmal wiedergeben.


    In einem hat Kalkofe allerdings recht: Wir wissen auch in dem Thema eigentlich nicht, worüber wir reden. Aus der Mediathek ist es verschwunden, nur Spiegel online hat's noch vorrätig. Oder kennt jemand von euch den kompletten Beitrag von Jan Böhmermann? Wenn nicht: Hier isser! Mit einem wirklich guten Kommentar übrigens.


    Und dann wird erst deutlich, dass es wirklich Satire ist. Sehr provokant, aber gut. Ich würde diverse Körperteile darauf verwetten, dass Böhmermann freigesprochen wird.

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    Elias Canetti