Kritik am öffentlich-rechtlichen Fernsehen

  • Ich möchte folgende Äußerung von Andrew aus einem anderen Thread zum Anlaß nehmen, einen neuen Thread hierzu zu eröffnen.


    Nur nebenbei: Gibt es bereits einen Thread, wo man das Fernsehen mal ordentlich kritisieren kann? Oder gefällt den meisten, was der öffentlich-rechtliche Bereich einem so vorsetzt? Wenn ich so die diesbezüglichen Threads durchsehe, scheint das ja (leider) mehrheitlich der Fall zu sein.


    Meiner Meinung nach ist das öffentlich-rechtliche Fernsehen immer noch tausendmal besser als das, was einem hierzulande die großen Privatsender auftischen. Natürlich mag auch beim öffentlich-rechtlichen Fernsehen längst nicht alles perfekt sein, aber im Vergleich zum Privatfernsehen liegen immer noch Welten dazwischen. Dagegen erscheint Kritik am öffentlich-rechtlichen Fernsehen schon wie Jammern auf hohem Niveau.

  • Ich habe mich letztens sehr über diese so bedeutende Unterhaltungsshow "Wetten, dass....?!" geärgert. Ich fand diese Show immer schon unerträglich. Es ist mir unverständlich, wie man sich freiwillig seine Seele und seinen Verstand so zumüllen läßt. Was ist es denn sonst, wenn man als Studiopublikum 5o Euro dafür zahlt, um auf Aufforderung zu klatschen, über müde Witzchen zu lachen, einem kommunikationsunfähigen, stets gutgelaunten Hampelmann zuzusehen, wie er Fragen stellt, deren Antworten ihn gar nicht interessieren, und noch mehr Schrecklichkeiten sich drei Stunden lang auszusetzen (mit Ausnahme der 50 Euro gilt für den TV-Zuschauer das Gleiche). Und der öffentlich-rechtliche Sender geilt sich noch daran auf, wie hoch die Quote war.


    Das ist nämlich mit Aufkommen des Privatfernsehens passiert, ARD und ZDF haben sich an sie bezüglich der Bedeutung von Quote angehängt. Das Niveau wurde seitdem zusehends schlechter, unsägliche Soap Operas wie "GZSZ", "Sturm der Liebe" von vollkommen mieser Qualität (Groschenromanen vergleichbar) haben Hochkonjunktur und "Wetten,dass" wird wie ein kulturelles Ereignis behandelt. Wirklich interessante, eventuell sogar kontroverse Sendungen verschiebt man nach Mitternacht, wo sie kaum noch angesehen werden und keinen Schaden anrichten können.
    Man sehe sich doch mal an, wann die durch den Grimmepreis geehrten (Qualitäts-)Sendungen ausgestrahlt werden, seltenst zur Hauptsendezeit. Nach außen schmückt man sich aber gerne mit ihnen.


    Es besteht eigentlich kein Zwang, ein Programm hauptsächlich für Spießbürger zu machen. Das ÖR-Fernsehen hätte ganz andere Möglichkeiten, besonders auch durch die GEZ-Gebühren - aber es nimmt sie allzu selten wahr.


    Früher war beileibe nicht alles besser, aber es war möglich, daß ein Rainer Werner Fassbinder einige Filme und sogar eine Serie für das Fernsehen drehen konnte, die zu einer guten Sendezeit gezeigt wurden. Heutzutage würde er wahrscheinlich überall in hohem Bogen rausfliegen....


    Jammern auf hohem Niveau?
    Keineswegs, das Niveau ist in der überwiegenden Mehrzahl stark gesunken. Da wären noch diese oberflächlichen Polittalks zu nennen (Anne Will u. dergl.), sog. "Volksmusik"-Sendungen, künstlerisch und technisch schlecht ausgeführte Eigenproduktionen, sich wie Karnickel vermehrende Kriminalsendungen mieser Qualität mit Abziehbildcharakteren - ein reines Horrorkabinett!


    Zum Schluß: Ich habe schon lange keinen Fernseher mehr, verfolge aber die Entwicklungen mit Hilfe der Senderwebseiten und Mediatheken.


    PS: Die Spießbürger sollen ruhig auch ihre Sendezeit bekommen, aber nicht in so ausufernden Dimensionen wie heute. Der Kulturauftrag müßte endlich mal wieder mit Leben erfüllt werden. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk ist darin wesentlich besser.
    PPS: Rechtschreibfehler korrigiert, es war doch etwas zu spät. :sleeping:

  • Die Beispiele, die Du aufzählst, würde ich aber nicht als repräsentativ für das öffentlich-rechtliche Fernsehen in Deutschland ansehen, auch wenn diese Formate zur Hauptsendezeit kommen und anscheinend viele Zuschauer haben. Wir haben in Deutschland zwanzig öffentlich-rechtliche Fernsehsender, kaum ein anderes Land hat so viele gebührenfinanzierte Sender. Dabei machen die genannten Unterhaltungsshows oder Seifenopern nur einen Bruchteil des Gesamtangebotes aus. Das wäre genauso, als ob man das Privatfernsehen auf Dschungelcamp, Dokusoaps & Co. reduzieren wollen, in beiden Fällen ist es aber nur die Spitze des Eisbergs.


    Daß bei den öffentlich-rechtlichen leider auch der Quotenwahn Einzug gehalten hat, ist mir allerdings auch nicht entgangen und das halte ich für eine bedenkliche Entwicklung. Anscheinend scheinen die ÖR die Privatsender als Konkurrenz zu empfinden, aber genau das ist der Fehler. Die Erfüllung ihres Programmauftrages sollte ihnen wichtiger sein als hohe Zuschauerzahlen, denn Masse ist nicht gleich Klasse und hohe Zuschauerzahlen sind keinesfalls ein Indiz für Qualität, oftmals ist sogar das Gegenteil der Fall. Die Privaten sind auf hohe Zuschauerzahlen angewiesen, weil ihre Einnahmen davon abhängen, die ÖR jedoch nicht, denn ihre Finanzierung ist durch Gebühreneinnahmen sichergestellt, also sollten sie auch nicht so stark auf Einschaltquoten achten, sondern eher auf ein anständiges Programm.


    Andererseits kommt es natürlich auch darauf an, welche Ansprüche man an das öffentlich-rechtliche Fernsehen stellt. Ein weit verbreitetes Mißverständnis ist, daß die ÖR nur Kultur und niveauvolle Programme ausstrahlen sollten. Aber eigentlich ist es deren Aufgabe, möglichst alle Teile der Bevölkerung gleichermaßen anzusprechen und alle Programmsparten abzudecken. Dazu gehört selbstverständlich auch Unterhaltung, Fiktion, Sport usw., aber Kultur, Politik usw. sollte dabei natürlich nicht auf der Strecke bleiben und auch Minderheiteninteressen sollten möglichst befriedigt werden und nicht nur der Mainstream.

  • Was mich bei den ÖR ärgert, daß trotz Proteste die Sendezeit bei den Magazinen und Verbrauchersendungen von 45 min auf 30 min reduziert worden ist. Meiner Meinung nach gehören solche Sendungen unbedigt ausführlich und gut verständlich in den Öffis gezeigt. Dass sind Sednungen für jung und alt. Themen, die der Alltag so mit sich bringt.
    Sonst fällt mir keine Kritik am öffentlich-rechtlichen Fernsehen ein.

  • Ich habe nicht nur von Unterhaltungssendungen oder Soap Operas geschrieben, sondern auch von "oberflächlichen Polittalks (Anne Will u. dergl.), sog. "Volksmusik"-Sendungen, künstlerisch und technisch schlecht ausgeführten Eigenproduktionen, sich wie Karnickel vermehrenden Kriminalsendungen mieser Qualität mit Abziehbildcharakteren". Außerdem beziehe ich mich auf die beiden Hauptsender ARD und ZDF.


    Im Übrigen ist eine dreistündige Unterhaltungsshow schon sehr repräsentativ für einen Sender. Warum sonst gäbe es so große Artikel in vielen Zeitungen?


    Anscheinend schreibe ich auch immer viel zu lange Posts, da einiges überhaupt nicht wahrgenommen wird. Überfliegen und schräg lesen ist anscheinend heutzutage angesagt. Man hat ja keine Zeit.
    Für drei stunden "Wetten, dass?" ist jedoch immer Zeit. :evil:


    Ich könnte ja noch den "Tatort" aufführen, der neben seltenen Ausreißern auch nicht gerade Anspruchsvolles bietet, sondern vielfach Betroffenheitsduselei. Und um 21.45 Uhr muß die Welt wieder in Ordnung sein. Anderes kann man dem deutschen Zuschauer einfach nicht zumuten. Auch hier: Überfütterung durch Massenangebot. Qualität kommt so sicher selten zustande. Aber solange es der Zuschauer goutiert, gibt es keine Veränderung oder gar Experimente. Denn auch hier zählt die Quote.


    Ein ganz wichtiger Punkt, der hier selten thematisiert wird, ist auch der politische Einfluß, den Parteien und ihre Repräsentanten auf den Sender nehmen. Er ist sicher nicht zu unterschätzen. Versuche, etwas daran zu ändern und ihren Einfluß wenigstens zurückzudrängen, wurden immer wieder abgeblockt.


    Über Arte lasse ich mich später aus, sonst wird der Post zu lang und zu schwer verdaulich.

  • Da fällt mir ein Wort von Peter Lustig ein: Abschalten! 8)
    Alternativ: Umschalten! :rolleyes:
    Oder wie Udo Jürgens einst sang: "Droht 'ne Sendung mit Niveau, schalt ich um auf Video." :D


    Kritik kann man äußern, wichtiger aber ist, dass die Masse an Fernsehsendern, die wir nun haben (war ja nicht immer so), dazu nutzen, jedem etwas zu bieten. In der Tat sind die Krimis zu inflationär geworden. Früher habe ich den Derrick noch gern gesehen, aber es wird so geballt aufgetischt, dass es einfach zu viel wird. Am Besten, man sucht sich eine Serie aus und meidet die anderen konsequent.

  • Quote

    Gibt es bereits einen Thread, wo man das Fernsehen mal ordentlich kritisieren kann? Oder gefällt den meisten, was der öffentlich-rechtliche Bereich einem so vorsetzt? Wenn ich so die diesbezüglichen Threads durchsehe, scheint das ja (leider) mehrheitlich der Fall zu sein.

    Mir ist diese vereinzelte Kritiklosigkeit auch nicht ganz geheuer. Wenngleich wir hier nicht bei Fernsehkritik.tv und Geschmäcker verschieden sind, verstehe ich unter Kult meist eine Rückschau auf Zeiten, die man im Einzelfall sicherlich mal verklärt, welche aber allzuoft nach objektiven Gesichtspunkten tatsächlich Hochwertigeres boten. In solchen Fällen liest man dann oft "jaja klar, früher war alles besser" als Vorwurf der Rückwärtsgewandtheit formuliert. Und Beanstandungen sind im Jahre 2012 sowieso ziemlich heikel, denn mit Nörglern, Schwarzsehern und Besserwissern möchte man sich nur ungern umgeben. Alles eifrig zu beklatschen und ein Dauerlächeln aufzusetzen, daran krankt m.E. ein Großteil der Bunzelbürger. Unterscheidungsvermögen scheint vielen, erschreckenderweise auch an und für sich klugen Leuten, abhandengekommen oder gar nie wirklich beschieden gewesen zu sein, sodass es erst heutzutage auffällt.

    Quote

    Meiner Meinung nach ist das öffentlich-rechtliche Fernsehen immer noch tausendmal besser als das, was einem hierzulande die großen Privatsenderauftischen. Natürlich mag auch beim öffentlich-rechtlichen Fernsehen längst nicht alles perfekt sein, aber im Vergleich zum Privatfernsehen liegen immer noch Welten dazwischen. Dagegen erscheint Kritik am öffentlich-rechtlichen Fernsehen schon wie Jammern auf hohem Niveau.

    Selbst Jammern auf hohem Niveau hat seine Berechtigung, entscheidend ist nur, wie man es anbringt und dass es nicht zum Selbstzweck verkommt.
    Wenn die lieben Leut' im Fernsehgarten einer Labertante lauschen und immer wieder sonntags gemeinsam schunkeln wollen - bitte, sollen se doch, das tangiert mich nicht im Geringsten.
    Hätten die ÖR ein rundum ansprechendes Programm, käme man ja gar nicht nach und bräuchte ein Extraleben fürs Fernsehen. So hat es auch seinen Reiz, sich die Rosinen herauszupicken, auch wenn man nach denen mitunter lange im Einheitsbrei kramen muss.


    Dennoch komme ich nicht umhin, Andrews bissige Ausführungen zu unterstreichen, bloß ärgern tu ich mich nicht, ich finde die Entwicklung eher schade bis traurig. ;(

    PS: Die Spießbürger sollen ruhig auch ihre Sendezeit bekommen, aber nicht in so ausufernden Dimensionen wie heute. Der Kulturauftrag müßte endlich mal wieder mit Leben erfüllt werden. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk ist darin wesentlich besser.

    Ich sehe diesen Auftrag, wenn man all diese zwanzig Sender zusammennimmt, in den dafür entscheidenden Bereichen sehr wohl erfüllt, z.B. Natursendungen, Ratgeber, Dokumentationen, Portraits/Biographien, Klassikkonzerte (nein, kein André Rieu oder David Garrett). Diese stehen allerdings in krassem Gegensatz zur Unter-Haltung von morgens bis abends und den nachgerichteten Nachrichten. Die Qualität der Filme bietet im großen und ganzen keinen Grund zur Klage, lediglich das Spektrum müsste breitgefächerter sein.
    Es kommt einem manchmal fast so vor, als würden sich zwei verschiedene Sender mehrmals abwechselnd pro Tag einen Programmplatz teilen. Nur bei ARD und ZDF kann man diese Qualitätsgrenze ziemlich genau zwischen dem Tages- und Nachtprogramm ziehen.

    Quote

    Aber solange es der Zuschauer goutiert, gibt es keine Veränderung oder gar Experimente. Denn auch hier zählt die Quote.
    ...
    Ein ganz wichtiger Punkt, der hier selten thematisiert wird, ist auch der politische Einfluß, den Parteien und ihre Repräsentanten auf den Sender nehmen.

    Die High Society feiert sich selbst...und das gemeine Publikum feiert unter tosendem Applaus mit. Ekelhaft, dieser Zirkus...

    Da fällt mir ein Wort von Peter Lustig ein: Abschalten! 8)
    Alternativ: Umschalten! :rolleyes:
    Oder wie Udo Jürgens einst sang: "Droht 'ne Sendung mit Niveau, schalt ich um auf Video." :D


    Am Besten, man sucht sich eine Serie aus und meidet die anderen konsequent.

    Ja, damit fährt man wohl weiterhin am besten!

  • Kann mich JH's Eingangstext komplett anschliessen. Besonders die dritten programme haben's nachwievor drauf, besonders der WDR :)

    - Oh Jegerl, gut dass mich dran erinnerst! - An wos? - Nojo, na was kommt nach dem 31. März? - Der 1. April! - Richtig! Er weiss wieder besser! Jetzt derfst weiterschnupfern!