Glückskinder (D, 1936) mit Lilian Harvey

  • Das mit dem Stichwortgeber ist ein guter Aspekt. Den habe ich so noch nicht betrachtet - aber jetzt wo Du es sagst, muss ich Dir recht geben. Dass ich "Sieben Ohrfeigen" geschaut habe, ist schon ne weile her, aber ich meine, dass da Fritsch viel mehr der Platzhirsch ist und Harvey eben mehr am Rande agiert, während Harvey in Glückskinder so herrlich aufspielt, dass man - gerade als männlicher Zuschauer - sehr entzückt ist ;-)

    „Glaube denen, die die Wahrheit suchen, und zweifle an denen, die sie gefunden haben.“


    André Gide

  • Dass ich "Sieben Ohrfeigen" geschaut habe, ist schon ne weile her, aber ich meine, dass da Fritsch viel mehr der Platzhirsch ist und Harvey eben mehr am Rande agiert


    Ja, das erinnerst Du richtig. Sieben Ohrfeigen ist der einzige Film, wo es nicht so ist bzw. nicht so stark ausgeprägt. In den restlichen 10 Tonfilmen ist er immer Stichwortgeber, und daher rührt auch das Vorurteil, er sei kein guter Schauspieler gewesen. Nur ist er eben neben Harvey aufgrund des Drehbuchs schlicht verblasst. In anderen Liebeskomödien mit Käthe von Nagy oder Renate Müller ist das anders. Dort agieren beide Hauptdarsteller gleichwertig und Fritsch‘s Spieltalent kommt besser zur Geltung. Und in den Komödien ohne weiblichen Counterpart sowieso.


    Interessant ist halt auch, was aus Fritsch geworden wäre, wenn ihn die Ufa nicht mit Harvey kombiniert hätte. Ende der Zwanziger war er ja, nach einer Flaute von einigen B-Filmen, eigentlich wieder auf einem recht guten Weg im Hinblick auch auf anspruchsvollere Filme. 2x Fritz Lang, die Carmen von St. Pauli und - trotz Liebesschnulze - hier auch genannt: Ungarische Rhapsodie, weil: gut gespielte Liebesschnulze.
    Fritsch sollte z.B. ja auch 1928 in Die wunderbare Lüge der Nina Petrowna spielen, wurde dann aber spontan durch Franz Lederer ersetzt, weil man ihn zum einen nicht schon wieder in eine Uniform stecken wollte (damals war es auch in der Presse ein großes Thema, warum Fritsch dauernd Uniformrollen spielen muß), und zum anderen hatte die Ufa endlich Lilian Harvey unter Vertrag nehmen können und wollte sie pushen. Also stellte man ihr, wie schon einmal bei Eichberg 1926, Fritsch zur Seite in Ihr dunkler Punkt. Weil das gut geklappt hat und sie ja auch privat gerade zusammen waren damals, war das Schicksal der beiden dann erstmal besiegelt. In einem Interview hat Fritsch später mal bedauert, dass er Petrowna nicht spielen konnte. Neulich hab ich mir den Film mal wieder angesehen. Inhaltlich ist er zwar nicht gerade hochgradig anspruchsvoll, aber wenn man sich Fritsch in der Rolle von Lederer dabei vorstellt, merkt man schon, dass diese Rolle ihn hätte erneut voranbringen können, denn ein Drama hatte er damals ja noch nicht in seiner Filmografie. Auch wenn er am Ende aber natürlich trotzdem besser in Komödien gepasst hat als in Dramen. ;)

  • Wie war das eigentlich nach dem Tod von Dinah Grace? Ich habe mal gelesen, dass er den nie verwinden konnte. Stimmt das tatsächlich, oder ist das doch eine Verkürzung?


    Es ist interessant , dass du Fritz Lang erwähnst. An den hatte ich auch schon mal gedacht. Gerade in den Anfangsszenen von Spione finde ich ihn herrlich. Nachdem du den Film zuerst nicht genannt hattest in der Aufzählung von Filmen, die er positiv erwähnt hat, hatte ich gedacht, dass er den später abgehakt hatte. Aber dann stimmt das doch nicht?

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  • Wie war das eigentlich nach dem Tod von Dinah Grace? Ich habe mal gelesen, dass er den nie verwinden konnte. Stimmt das tatsächlich, oder ist das doch eine Verkürzung?

    Das hat er tatsächlich nie verwunden, und auch gleich in mehrfacher Hinsicht nicht. Zum einen natürlich emotional nicht, denn immerhin waren sie fast 30 Jahre insgesamt zusammen, zwar mit Höhen und Tiefen, aber eben zusammen, und zum anderen hatte es dann auch berufliche Folgen.
    Willy Fritsch war ja privat ein sehr lethargischer Mensch, hat gern und viel im Bett gelegen oder auf der Terrasse ein Buch gelesen usw. Er war von Beginn seiner Karriere an immer dran gewöhnt, dass sich jemand um seine Jobs kümmert. Durch die frühe Ufa-Festanstellung war er ja auch immer mit Engagements versorgt, und nach dem Krieg hat sich das durch alte Seilschaften auch erstmal noch automatisch so fortgesetzt. Ab Anfang der 1950er Jahre hat sich seine Frau dann um seine Engagements gekümmert, teilweise für ihn ausgewählt usw. Als sie dann krank wurde, konnte sie nicht mehr so, und würde man ein Diagramm zeichnen, könnte man sehen, dass je kränker sie wurde, desto weniger war Fritsch im Film tätig. In ihren letzten beiden Lebensjahren hat er dann gar nicht mehr gefilmt. Nach ihrem Tod war er wie paralysiert. Hat sich noch ein paar Mal rauslocken lassen von seinem Sohn oder alten Freunden bzw. ist aus Anstand bei den Preisverleihungen erschienen, aber hat auch einfach dann das Interesse verloren.
    Er hat das zum Schluss ja sehr realistisch gesehen. Seine Zeit war einfach vorbei. Er war auf eine bestimmte Schiene festgelegt, und es wäre irgendwann lächerlich gewesen, wenn er mit 65 immer noch so agiert hätte. In Interviews hat er oft bedauert, dass er „nichts vernünftiges“ mehr angeboten bekommt. Er hätte bestimmt gern noch ab und zu gespielt, aber eben nicht mehr das übliche Klischee. Aber was anderes hat man ihm wohl nicht zugetraut. So wie er eben doch als Schauspieler lebenslang unterschätzt wurde, aber natürlich selber auch den Fehler gemacht hat, immer zu spielen, was von ihm verlangt wurde.
    Wie gut er als älterer Herr hätte sein können, sieht man sowohl in „Weg in die Vergangenheit“ (alkoholisierter Rennfahrer) als auch in „Mit Eva fing die Sünde an“ (Kabarettstückchen) sowie in Komödien mit auf ihn zugeschnittenem Drehbuch wie „Was macht Papa denn in Italien“. Aber man hat ihn dann irgendwann als Relikt der alten Zeit gesehdn und als „Fachmann“ für diese Zeit gern interviewt, aber nicht mehr engagiert.


    Es ist interessant , dass du Fritz Lang erwähnst. An den hatte ich auch schon mal gedacht. Gerade in den Anfangsszenen von Spione finde ich ihn herrlich. Nachdem du den Film zuerst nicht genannt hattest in der Aufzählung von Filmen, die er positiv erwähnt hat, hatte ich gedacht, dass er den später abgehakt hatte. Aber dann stimmt das doch nicht?

    Nein, abgehakt hatte er die Filme nicht und war im Gegenteil sehr stolz drauf. Aber explizit als „Lieblingsfilme“ hat er sie nicht genannt, wahrscheinlich, weil er auch unangenehme Erinnerungen an die Dreharbeiten hatte. Hinter den Kulissen war ja ganz schön Stress. Er hat sich zwar Ende der 1950er wieder mit Fritz Lang getroffen, was wohl auch recht harmonisch war, aber im großen und ganzen hat ihn die Atmosphäre am Set sicher genervt, und sowas spielt ja dann immer mit rein.

  • Der Film ist bei YouTube aktuell zu finden:


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    Meine Eltern sind heute noch zu Besuch, ggf. haben wir nach dem Fußball noch Zeit, was zu schauen. Das wäre doch ein netter Film. Mal sehen obs klappt :)

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    André Gide

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