Friedrich Oetinger Verlag zensiert Astrid Lindgren

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    Hier finden Sie die aktuelle Spiegel-Bestsellerliste Sachbuch. Zuvor aber eine kurze Anmerkung zu der Frage, ob in Kinderbuchklassikern wie Astrid Lindgrens "Pippi Langstrumpf"-Romanen oder Otfried Preußlers "Kleiner Hexe" Begriffe wie Neger oder Negerkönig entfernt werden sollten. Wer heute in Deutschland von Negern spricht, ist ein Holzkopf. Aber Sprache ist etwas Lebendiges, und auch Kinderbücher sind Literatur. Gerade junge Leser sollen lernen, dass der Gebrauch der Sprache einem steten Wandel unterliegt.


    Die Alternative hat George Orwell in seinem Roman "1984" beschrieben, in dem die Angestellten des "Wahrheitsministeriums" permanent die Vergangenheit umschreiben und auf diese Weise auslöschen. Daran glauben offenbar die Lektoren der Verlage Oetinger und Thienemann, die ihre Autoren Astrid Lindgren und Otfried Preußler umschreiben. In Deutschland heute gibt es Ausländerhass, Rassismus und Neonazis. Das ist eine Schande. Es gibt aber auch feigen vorauseilenden Gehorsam vor den Tollheiten einer auf die Kunst übergriffigen politischen Korrektheit.


    Das hat schlechte Tradition. 1818 veröffentlichte ein Mann namens Thomas Bowdler eine Ausgabe von Shakespeares Werken, in der alle Stellen entfernt waren, die man, so Bowdler, "nicht mit Anstand im Kreis der Familie vorlesen kann". Die Zeitgenossen Bowdlers reagierten mit so großem Spott auf den Tugendbold, dass sein Name als Verb "to bowdlerise" noch heute im Englischen jedes Unternehmen beschreibt, einen Text von anstößigen, vulgären oder sonstwie unzüchtigen Stellen zu säubern. Vielleicht sollte man im Deutschen auch zwei neue Verben einführen und in Zukunft davon sprechen, ein Buch zu "oetingern" oder zu "thienemannen" …


    Von der Beleidigung gegenüber allen, die der Bevormundung der "politischen Korrektheit" nicht blind folgen, mal abgesehen (er ist ja in gewisser Weise gezwungen so etwas zu schreiben um nicht selbst ins Kreuzfeuer zu kommen), finde ich den Beitrag sehr sehr gut.

    „Glaube denen, die die Wahrheit suchen, und zweifle an denen, die sie gefunden haben.“


    André Gide

  • Die Debatte hat auch was Gutes, denn immerhin scheinen jetzt doch viele zu erkennen, wohin Antidiskriminierungs-Aktionismus führen kann.
    Wie lange wird es wohl dauern, bis auch der Mohr aus der "Geschichte von den schwarzen Buben" (Struwwelpeter) oder gar das Weib aus der deutschen Literatur zu verschwinden hat? Viel Spaß!

  • Ich glaube es dauert nicht mehr lange und auch ich bin zum Auswandern bereit.... jetzt haben sie im ZDF doch tatsächlich auch das Wort "wichsen" (im Sinne von Putzen - Schuhe Wichsen, ...) in alten Kinderbüchern bemängelt. Ich hoffe das war nicht ernst gemeint....


    Vor ca. 10 Jahren habe ich mal gelesen, dass sich eine Politikerin ausgelassen hat, weil die Hexe in "Hänsel und Gretel" ein Kopftuch trägt und das ja auf einige ausländische Mitbürger in Bezug gebracht werden könnte.


    *kopfaufdentischhau*

    „Glaube denen, die die Wahrheit suchen, und zweifle an denen, die sie gefunden haben.“


    André Gide

  • Guter Text: http://www.zeit.de/2013/05/Kin…ess-Christine-Noestlinger


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    Mit Kindern kann man nämlich sehr vernünftig reden. So wie sie verstehen, dass in einem Buch, das vor 30 Jahren geschrieben wurde, die Kinder kein Handy, aber einen Plattenspieler haben, so würden sie auch verstehen, dass damals das Wort Neger üblich war und verändertes Bewusstsein veränderte Sprache bringt.


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    Und es könnte leicht sein, dass in dem Stück Welt, das ich gerade in Sprache umsetze, mein Großvater im Herbst 1945 heimkommt und stolz und aufgeregt meiner Großmutter berichtet: »Jetzt hab ich zum ersten Mal im Leben einen Neger gesehen!«


    Tut mir leid, aber exakt so hat er es gesagt und es kein bisschen böse gemeint. Und so werde ich es hinschreiben. Und meine Leser werden weder meinen Großvater für einen Rassisten halten, noch beschließen, ab jetzt Menschen mit schwarzer Haut Neger zu nennen. All das, was ich sonst noch von meinem Großvater erzähle, schließt nämlich den Rassismusverdacht völlig aus, und Kinder, zu deren Sprachgebrauch »Neger« zählt, haben das nicht aus Kinderbüchern, sondern von ihren Bezugspersonen.


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    Rassismus ist eine Gesinnung, an der sich leider wenig ändert, wenn man Wörter abschafft. Die Struwwelpeter-Geschichte vom »Mohren« etwa könnte man wohl als rassistisch bezeichnen. Aber nicht, weil der schwarze Bub »Mohr« genannt wird, sondern, weil die spottenden Buben mit schwarzer Haut bestraft werden. Und das – könnte man sagen – hieße doch, dass eine weiße Haut besser als eine schwarze sei. Sonst wäre es keine Strafe, kohlrabenschwarz geworden zu sein. Könnte man sagen, muss man aber nicht. Und ich tue es auch nicht.


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    Schließlich leiste ich mir auch, auf das politisch korrekte Binnen-I zu pfeifen, bloß weil ich finde, dass man nicht hinschreiben kann, was man nicht aussprechen kann. Aber bei allen Lesern, die das Binnen-I in diesem Beitrag schmerzlich entbehrt haben, entschuldige ich mich natürlich zerknirscht.


    Eben habe ich mit meiner Tochter, die in Antwerpen lebt, telefoniert. Sie hat mir erzählt, dass sich in Antwerpen neuerdings viele junge selbstbewusste Schwarze stolz erhobenen Hauptes Neger nennen. Keine Ahnung, wie und wo ich das jetzt einordnen soll.

    „Glaube denen, die die Wahrheit suchen, und zweifle an denen, die sie gefunden haben.“


    André Gide

  • Ich habe letztens in der Zeitung einen Leserbrief eines Arztes gelesen, der sowohl beruflich als auch privat oft in Afrika unterwegs ist.Er hat dort Freunde, denen er das erzählt hat. Sie sagten daraufhin:"Well... we ARE negros, so what's the problem?"

  • Heute lief im ZDF wieder mal "Pippi geht von Bord". Darin kam vor:


    - Negerhütte
    - Negermaske
    - Negerkönig


    Ich bin gespannt wann diese Zensur auch auf Film- und Serienklassiker übergreift

    „Glaube denen, die die Wahrheit suchen, und zweifle an denen, die sie gefunden haben.“


    André Gide

  • Wurde eigentlich auch schon Agatha Christies Klassiker "10 kleine Negerlein" zensiert? Wenn nicht, ist das höchst inkonsequent!

    Na ja, eine systematische Zensur gibt es bislang noch nicht. Im Moment ist das noch alles vorauseilender Gehorsam - eine Disziplin, in der sich die Deutschen seit ihrer Umerziehung immer eifriger betätigen.

  • http://andrea-harmonika.de/201…8/mama-ist-eine-schlampe/


    *kopfschüttel*


    die zensur und umschreibungs/umschneidungsmaschinerie bei kinderbüchern, serien, hörbüchern und hörspielen läuft ja langsam an, da können wir uns noch auf viele politisch korrekte zensur-anpassungen freuen und auf generationen die noch verstrahlter sind falls es so weiter geht
    gerade bei "meister eder und sein pumuckl" gibts da einiges zu finden
    dabei sind gerade das doch tolle möglichkeiten als kind kulturelle und sprachliche entwicklungen und hintergründe zu erfahren/gelehrt zu bekommen. dass das leben oft ungerecht ist, das müssen kinder doch auch erfahren? sonst könnte man die niklaas serie komplett verbieten. und dass die worte schlampig und schlampe nicht umsonst miteinander zu tun haben, ist doch gut zu wissen.
    wenn solche leute wie die autorin gesellschaftlich das sagen hätten, wären wir bald alle nur noch seelenlose realitätsfremde hüllen die entweder nur noch funktionieren und alles nachplappern, oder mit allem überfordert sind

    „Glaube denen, die die Wahrheit suchen, und zweifle an denen, die sie gefunden haben.“


    André Gide

  • Ich überleg grad, wie wohl Geschichten aussehen, die diese Dame ihrem Kind problemlos vorlesen kann. Und komme zum Ergebnis: das müssen ja echt arg langweilige sein. Zum Einschlafen vermutlich prima. Aber sonst?


    Und ich frag mich, ob das Kind dann nie erfahren darf, wie es in der Natur abgeht. Glaubt sie wirklich, Ameisen würden ihr Leben riskieren, um nem Ameisenlöwen sein Essen wegzunehmen? Die Natur ist nunmal oft auch "grausam".



    Und wenn ich dann noch dran denke, was ich als Kind alles furchtbares gelesen & gehört habe... Z.B. über einen Jungen, der einfach so im Zoo ins Elefantengehege marschiert. Und keiner hält ihn davon ab. Oder ein kleines Mädchen, das einfach so ohne Anschnallgurt auf nem Besen (ohne Airbags!) durch die Luft fliegt. Und ein kleines Mädchen, das von den Eltern einfach so zum Spielen in den Wald gelassen wird, obwohl die Eltern wissen, dass es dort gefährliche Tiere/Wesen gibt. Und dann lebt dieses Mädchen (zusammen mit der Mutter) auch noch in ner WG die aus lauter erwachsenen Männern besteht! Und dann war da noch die Geschichte von dem Waisenmädchen, das ganz allein in ner Ruine hauste und obwohl das bekannt war, hat niemand das Jugendamt eingeschaltet!


    Von all den Märchen fang ich lieber erst gar nicht an...
    (ok, einige finde ich tatsächlich schrecklich. Gerade die, wo Wölfe z.B. als böse Tiere dargestellt werden. Aber ich weiß ja, wie Wölfe wirklich drauf sind.)




    Ich frage mich bei sowas immer wieder, obs wirklich nicht möglich ist, dass ein Kind genug im normalen Alltag mitbekommt, bzw. dass man ihm ganz nebenbei genug beibringt, dass es sehr gut unterscheiden kann zwischen Geschichte und Realität.


    Und was die "Schlampe" angeht: ganz ehrlich, käme das in keiner einzigen Geschichte vor, hätte das Kind sowas vielleicht anderswo aufgeschnappt. Oder muß so ein Kind draußen immer mit Augenbinde und Ohrenschützern herumlaufen? 8|

  • Ich kann mich nur 100%tig anschließen.


    Das mit der Schlampe ist doch toll, dass das Kind erfährt, was die ursprüngliche Wortbedeutung des Wortes ist. Somit ist das Kind srprachlich (in diesem Punkt) jetzt schon weiter als es die Mutter ist - besser kann es bildungstechnisch doch garnicht sein! An meinen Neffen kriege ich mit welche (ganz andere) worte die im Kindergarten aufschnappen. Da ist das mit der Schlampe weniger als nur harmlos.

    „Glaube denen, die die Wahrheit suchen, und zweifle an denen, die sie gefunden haben.“


    André Gide

  • Zum Thema "Biene Maya": Diese Szene geht ja noch. In der Episode davo wird DEUTLICH auf das Thema "Fressen und gefressen werden" eingegangen - und das hat sogar mich geschockt! Will sagen, diese Dame sollte sich nicht über (noch) harmlose DInge aufregen und sich erst mal RICHTIG informieren!


    Aber um Gypsys Beitrag zu vervolständigen:
    Videospiele sollte sie ihr Kind besser auch nicht spielen lassen. Sonst glaubt dieses Kind noch es sein ein Pilz-süchtiger Junkie, der wahllos auf unschuldige Schildkröten springen darf und sie durch die Luft werfen darf - oder es geht mit einem Laser schiessenden Schwert auf arglose Passanten los.