Stroheim, das zerstörte Genie

  • Ich trau mich mal als Neuling ;) einen neuen Faden hier zu erstellen. Möglicherweise habe ich einen ähnlichen, bereits vorhandenen übersehen, aber finden konnte ich ihn nicht. So sei es also.


    Erich von Stroheim (1885 - 1957)


    Nicht umsonst habe ich mir den Namen 'Erich' gegeben. In meiner Jugend, als das TV noch seinen Bildungsauftrag ernst nahm, lief im dritten Programm der ARD eine Erich-von-Stroheim-Reihe in der sämtliche damals verfügbaren Filme, bis auf 'Queen Kelly' (wenn ich mich recht erinnere), von ihm gezeigt wurden. Also die, die er als Regisseur in irgendeiner Form drehen durfte. Obwohl sie alle verstümmelt, kastriert, zerstört waren, hat es mich damals umgehauen. Das Subversive, das in ihnen steckt, die Hinterfragung und Aufdeckung bürgerlicher Vorstellungen, die erotische Hemmungslosigkeit, die Entlarvung des Menschen ganz allgemein - all dies muss mich damals, noch relativ unbewusst, vollständig in den Bann seiner Werke gezogen haben und zwar so sehr, dass ich seitdem von ihm nicht mehr losgekommen bin.


    Von 'Blind Husbands' bis 'The Great Gabbo' habe ich eigentlich alle verfügbaren Filme auf DVD. Heute kam nun 'Foolish Wives' dazu in einer 145-minütigen Fassung, die ich so noch nicht hatte. Meine alte konnte nur mit 106 aufwarten.


    Noch weiß ich leider nicht, wie ich Amazon- oder andere Bilder hier einfügen kann. Aber kennt jemand diese Version und wie beurteilt ihr sie? Und wie beurteilt ihr Stroheim allgemein?

  • Die 145-minütige Fassung dürfte dann wohl die 'offizielle' amerikanische DVD-Veröffentlichung auf dem Kino-Label sein (auf deren Cover 143 Minuten angegeben sind, aber vielleicht ist das ja nicht wirklich akkurat), und das ist wohl die momentan definitive Fassung.


    Wie auch immer: ich persönlich bin ein großer Verehrer Stroheims, nicht zuletzt auch als Schauspieler (seine Rolle in Renoirs "Grand Illusion" ist absolut überwältigend, finde ich). Und als Regisseur? Ein Besessener, ein absoluter Perfektionist, der sich nicht das geringste um Produktionskosten, Zeitpläne etc. scherte, und dann dafür natürlich wenig überraschend die Quittung bekam. Insofern sind einige seiner bedeutendsten Werke heute verstümmelt ("Greed") oder gar nicht erst so realisiert worden, wie ursprünglich gedacht ("The Wedding March", "Queen Kelly"). Aber das was wir haben, strahlt dennoch die Meisterschaft Stroheims aus.... Für mich der bedeutendste amerikanische Stummfilmregisseur, wohl noch vor Sternberg und definitiv vor Griffith.


    Ich würde einiges dafür geben, wenn es endlich eine offizielle Veröffentlichung von "The Wedding March" gäbe. Das ist mein absoluter Favorit unter seinen Werken, und einer der allerwichtigsten Filme über den 'Mythos' der Stadt Wien. Kompletter Knockout.

  • Ich würde einiges dafür geben, wenn es endlich eine offizielle Veröffentlichung von "The Wedding March" gäbe. Das ist mein absoluter Favorit unter seinen Werken, und einer der allerwichtigsten Filme über den 'Mythos' der Stadt Wien. Kompletter Knockout.

    In der Tat völlig unverständlich, aber auch, dass es immer noch keine DVD-Ausgabe der rekonstruierten, langen Fassung von 'Greed' gibt, ist unmöglich.

  • Was ich in meinem hemmungslos jugendlichen Übermut :D natürlich bei der Erstellung dieses Fadens übersehen habe, ist, dass er ja eigentlich in die Sparte der amerikanischen Filme gehört. Also wenn es stört, kann die Moderation ihn dankenswerterweise gerne dorthin verschieben. Andererseits würde ich mich auch freuen, wenn er hier verbleibt, weil er an diesem Ort vielleicht eher gelesen wird.


    Heute habe ich endlich 'Foolish Wives' in der Langfassung von um die 140 Minuten gesehen.


    Großartig digital restauriert wurde da wohl gar nicht, nur alle aufgefundenen Schnipsel der Kurzfassung hinzugefügt. Aber, Gott sei Dank, wenigstens das. Natürlich ist es weiterhin nicht der Schnitt durch Stroheim, natürlich gibt es immer noch diese seltsamen Brüche und Sprünge in der Dramaturgie, aber was für ein Film trotzdem!!!!


    Eigentlich bin ich gar nicht einmal so ein Fan von reinem Realismus in der Kunst und von daher auch nicht im Film. Stroheim allerdings war ja nun einer, der gerade diesen Realismus auf die Spitze getrieben hat. Und vielleicht ist es gerade dieses 'auf-die-Spitze-treiben', was mich so an ihm fasziniert. Stroheim erschafft in allen seinen Filmen, so auch hier, eine Form von penibelsten Realismus, die aber größtenteils im Studio hergestellt wurde, die also künstlich ist, die Imagination ist. Und in dieser Imagination lässt er plötzlich menschliche Abgründe explodieren, lässt das Menschliche in allen Varianten in das Künstliche hineinplatzen und erzielt damit eine Wucht, die atemberaubend ist.


    Und schon 1922 lässt er die Kamera virtuos agieren, bringt wirkliche Filmkunst mit ins Spiel (Betonung auf Kunst!). Der Schnitt ist eigentlich wirklich gelungen. Inwieweit er Stroheims Absichten getroffen hat, lässt sich natürlich nicht mehr beurteilen. Seiner hätte mit Sicherheit ganz anders ausgesehen, aber auch so ist es mitreißend.