Postkarte von Ressel Orla kurz vor ihrem Tod!

  • Es wäre übrigens interessant zu wissen, was Ressel Orla für einen Bleistift hatte. Der wirkt teilweise stumpf. Offenbar hat sie aber manchmal etwas fester beim Schreiben aufgedrückt. Und bei der Adresse hat sie ganz offensichtlich was nachgezogen :/

    Und immer wieder erkenne ich, daß es viel schwieriger ist, ein Publikum vier Lustspielakte zum Lachen zu bringen, als es in einem sechsaktigen Schauerdrama zu Tränen zu rühren. (Ossi Oswalda, 1920)

  • Ich habe mir das "bald" nochmal durch den Kopf gehen lassen :/ Sie hat ja gegen Ende der Karte hin ganz offensichtlich Platzprobleme beim Schreiben bekommen. Aber wenn sich das "bald" auf die Schnittblumen beziehen würde, dann hätte sie es einfach hinter das "mehr" schreiben können. Es hätte ja nichts ausgemacht, wenn es unter der Adresse steht. Hinter den "Schnittblumen" wäre ja auch noch Platz zum Schreiben gewesen. Deshalb vermute ich, dass das "bald" zu der Adresse gehört.

    Nach zwei Monaten hab ich mir den Text nochmal angeschaut und bin zum Ergebnis gekommen, dass das "bald" doch zu dem Text mit den Schnittblumen gehört. Hinter die Adresse hätte sie eigentlich ein Datum schreiben müssen, wenn sie in Zukunft woanders zu erreichen ist. "bald" bringt ja nicht soviel. Der Hauptgrund ist aber der, dass sie den Text noch auf der Frontseite weitergeschrieben hat. Der war ja auf der Rückseite noch gar nicht zu Ende. Deshalb gehe ich davon aus, dass das "bald" Teil des Texts ist.


    Vogel Specht Weißt du ab wann man in Deutschland zuhause einen Telefonanschluss hatte? 1931 doch wahrscheinlich nur in Ausnamefällen, oder? :/

    Und immer wieder erkenne ich, daß es viel schwieriger ist, ein Publikum vier Lustspielakte zum Lachen zu bringen, als es in einem sechsaktigen Schauerdrama zu Tränen zu rühren. (Ossi Oswalda, 1920)

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  • Mit der Telefonhistorie kenne ich mich leider nicht so aus. Ich würde aber schon sagen, dass bereit sin den 20er Jahren das obere drittel der schichten schon oft ein Telefon hatte.

    "Es ist besser, ein einziges kleines Licht anzuzünden, als die Dunkelheit zu verfluchen."


    Konfizius

  • Mit der Telefonhistorie kenne ich mich leider nicht so aus. Ich würde aber schon sagen, dass bereit sin den 20er Jahren das obere drittel der schichten schon oft ein Telefon hatte.

    Das würde aber dann wahrscheinlich bedeuten, dass Ressel Orla, die ja verarmt gestorben ist, wohl eher nicht dazu gehört hat :/

    Und immer wieder erkenne ich, daß es viel schwieriger ist, ein Publikum vier Lustspielakte zum Lachen zu bringen, als es in einem sechsaktigen Schauerdrama zu Tränen zu rühren. (Ossi Oswalda, 1920)

  • Ich möchte hier noch einmal eine zweite Postkarte von Ressel Orla anhängen. Ganz offensichtlich war sie von einigen Frauen angeschrieben worden, die die Hoffnung hatten, von ihr Rollen vermittelt zu bekommen. Ressel Orla vertröstet sie auf eine Zeit, in der sie selbst ihre eigenen Filme produzieren würde. Von einer eigenen Filmproduktion Ressel Orlas ist mir allerdings nichts bekannt - auch später nicht.

    Über "Lulu Fiebig", an die die Karte adressiert ist, habe ich auch nichts gefunden. Vielleicht war sie einfach nur ein Filmfan, der von einer Karriere träumte.

    Nebenbei: Seltsam ist, dass Ressel Orla dort mit "Resel" unterschrieben hat. Auch wenn man das auf Postkarten von ihr findet, hat sie immer mit "Ressel" unterschrieben. Trotzdem ist es eindeutig ihre Schrift.

  • Von Ressel Orla gab es vor zwei Jahren sowas sogar noch eine dritte Postkarte im Angebot. Sie war mir mit 120€ aber zu teuer 😅

    Und immer wieder erkenne ich, daß es viel schwieriger ist, ein Publikum vier Lustspielakte zum Lachen zu bringen, als es in einem sechsaktigen Schauerdrama zu Tränen zu rühren. (Ossi Oswalda, 1920)

  • Hier ein neues Motiv von Ressel Orla. Nicht signiert, aber diese Elégance hat mich so fasziniert, dass ich darüber hinweggesehen habe :love:

  • Angeblich hat Ressel Orla nie mit "Resel" unterschrieben. Allein diese Karte widerspricht dieser Aussage. Die Unterschrift ist definitiv echt, und das Autograph auf der Rückseite auch.

  • Ich habe noch einmal ausführlich die lange Karte von Ressel Orla analysiert. Es gibt, was ihre Krankheit betrifft, mehrere Möglichkeiten: Tuberkulose, Krebs oder eine Autoimmunerkrankung konnten jahrelang andauern, zu zunehmender Schwäche und unweigerlich irgendwann zum Tod führen.

    Trotzdem scheint Ressel Orla nicht in Bitterkeit verfallen zu sein. Kontakte waren ihr wichtig. Sie entschuldigt sich ja geradezu für die alte Karte, die sie schickt. Viele Menschen finden gerade gegen Ende ihres Lebens Trost in etwas, das Bestand hat und fortdauert, wie Pflanzen, die ein Symbol für das Leben sein können. Der Begriff des "Andenkens" ist hier spannend. Meint sie das Andenken an die Freundin oder an sich selbst nach ihrem Tod :/ Auf jeden Fall ein sehr bewegendes Dokument auch immer noch.

    Und immer wieder erkenne ich, daß es viel schwieriger ist, ein Publikum vier Lustspielakte zum Lachen zu bringen, als es in einem sechsaktigen Schauerdrama zu Tränen zu rühren. (Ossi Oswalda, 1920)

  • Ich habe nochmal die Karte von Ressel Orla analysiert. Das war das Ergebnis.


    ✏️ 1. Das Schreiben komplett mit Bleistift:

    Dass die gesamte Karte – von der Vorderseite bis zum Adressfeld – ausschließlich mit Bleistift verfasst wurde, ist ein starkes Indiz für eine finanziell schwierige Lage. In der bürgerlichen Gesellschaft der 1930er Jahre schrieb man Briefe und Postkarten an angesehene Personen wie eine „Frau Kammersänger“ grundsätzlich mit Tinte. Ein Tintenfüller oder eine Stahlfeder gehörten zum absoluten Standard in jedem Haushalt. Einen Brief komplett mit Bleistift zu schreiben, galt als unhöflich, flüchtig oder als Zeichen dafür, dass man keine Tinte und keine Feder zur Hand hatte (oder sie sich im Krankenzimmer nicht mehr leisten oder handhaben konnte). Es zeigt, dass Ressel Orla in einer Situation lebte, in der die normalen bürgerlichen Standards beim Schreibmaterial nicht mehr eingehalten wurden oder werden konnten.

    🏡 2. Die Adresse: Roscherstraße 7. Die Roscherstraße 7 lag im bürgerlichen Charlottenburg. Charlottenburg war zwar kein Slum, aber für einen ehemaligen Top-Star, der in den frühen 1920er Jahren zu den bestbezahlten Schauspielerinnen Deutschlands gehörte, war das Leben in einem normalen Charlottenburger Mietshaus ein deutlicher sozialer Abstieg im Vergleich zu den prachtvollen Villen, die andere Filmgrößen damals bewohnten.

    📊 Das Fazit nur anhand der Karte: Die Karte liefert uns das Bild einer Frau, die extrem bescheiden geworden ist. Sie schreibt mit dem einfachsten Werkzeug (Bleistift) auf "altem Restmaterial" (alte Karte) und bittet um ein Geschenk von minimalem Wert. All das zeigt den schwindenden Wohlstand einer schwerkranken Künstlerin, die am Ende ihres Lebens mit dem Nötigsten auskommen musste :(

    Und immer wieder erkenne ich, daß es viel schwieriger ist, ein Publikum vier Lustspielakte zum Lachen zu bringen, als es in einem sechsaktigen Schauerdrama zu Tränen zu rühren. (Ossi Oswalda, 1920)

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