Moderne Bühneninszenierungen

  • Insipiert durch: Babylon Berlin (BRD, 2017)


    Talmine hat geschrieben:


    Quote

    Ganz ehrlich, mein lieber Mann, die drei mal, die du in deinem Leben ein Theater von innen gesehen hast... ;-) Ich glaube nicht, dass du dir da ein umfassendes Urteil erlauben kannst.


    Ich habe viele moderne "Bühneninszenierungen" gesehen. Nein, ich gehe auch nicht wöchentlich ins Theater, aber immerhin habe ich doch einiges gesehen. Und ganz vieles davon ist wirklich toll und inspirierend. Wenn man ein Stück einfach nur in Kostüme steckt, die annähernd was mit der Zeit zu tun haben, in der es spielt, macht es das noch zu keinem guten Theaterstück. Es kommt ja darauf an, was man aus diesem Stück herausholt, worauf man seinen Fokus legt und ja, ich mag es, wenn aktuelle Bezüge in dem Stück hergestellt werden. Ich finde, das bringt das Theater in eine moderne Zeit und macht deutlich, wie modern manche Stücke doch sind, obwohl sie vor über 200 Jahren geschrieben wurden.


    Aber das ist inzwischen schon ein bisschen Offtopic.

    Icke schreibt:


    Ja das wäre auch fast wert es in einem eigenen Thema nochaml aufzugreifen. Passt aber witzigerweise (eben nur im Form eines anderen Mediums) perfekt zur Diskussion die wir zu Babylon Berlin hatten - also dürfen moderne Einflüsse in historische Stoffe mit einfließen?



    Und ich bin da prinzipiell komplett offen, habe aber selbstverständlich meine eigene Sicht auf die Dinge, die ich mir anhand von bisherigen Erfahrungen angeeignet habe. Das ist nicht umfassend, aber auch nicht aus der Luft gegriffen. Und allumfassend würde z.B. gar nicht gehen, also keiner kann das ganze Spektrum greifen, weil es in sich dann doch individuell ist. Dennoch gibt es Tendenzen bzw. Trends.


    Ich bin bereit die Sicht zu verändern, aber den "Wilhelm Tell" würde ich mir, wenn ich ihn das erste Mal auf der Bühne sehe, gerne 100% in der Originalfassung anschauen wollen, damit ich auch die damalige Zeit und vorallem die Intention Schillers greifen und begreifen kann um es für mich selbst in die heutige Zeit zu übertragen.

    Wenn es Nuancen sind und es gut gemacht ist habe ich auch nichts dagegen es mal in einer abgewandelten Form zu sehen.

    „Glaube denen, die die Wahrheit suchen, und zweifle an denen, die sie gefunden haben.“


    André Gide

  • Und genau da liegt aber die Utopie, da heutzutage fast kein historischer Stoff 1:1 auf die Bühne gebracht wird. So lange hat schlichtweg keiner Zeit, im Theater zu sitzen. Die meisten Stücke, die man im Theater sieht, sind gekürzt. Wenn du es in seiner Gänze verstehen willst, dann musst du es lesen. Und ICH lese zum Beispiel unheimlich ungern Stücke. Da steht wortwörtlich so viel zwischen den Zeilen :D


    Und dieses zwischen den Zeilen, das ist das, was Theatermacher, Regisseure und Schauspieler versuchen, auf die Bühne zu bringen. Davon hat nunmal jeder seine eigene Vorstellung.


    Abgesehen davon ist es vielen Theatern auch nicht mehr vergönnt, ein opulentes Stück mit großem Bühnenbild und aufwändigen Bühnen zu inszenieren, weil schlichtweg das Geld nicht da ist. Da wird eben auf einfach Bühnenbilder und Kostüme zurück gegriffen.


    Über das Thema habe ich früher mal mit meinem Bruder gestritten und der ist, wie du weißt, Theaterschauspieler und inzwischen auch -regisseur. Ich war nämlich deiner Ansicht und vertrat die Meinung, dass man das doch bitte "schön" für den Zuschauer zu inszenieren habe. Aber er meinte, das sei nicht die Aufgabe von Theater oder Kunst, sondern die, den Menschen zum Nachcdenken anzuregen und dazu gehöre eben auch, dass man Stücke anders als gewohnt inszeniert. Zudem sei aus seiner Sicht ein Schauspieler, der es versteht mit nur einem Requisit eine ganze Geschichte zu erzählen und den Zuschauer trotzdem in seinen Bann zu siehen, ein viel besserer Künstler als einer, der ein opulentes Bühnenbild braucht. Und inzwischen stimme ich ihm da zu. Es kommt auf den Inhalt an, nicht auf das Drumherum.


    Bei Opern mag das teilweise etwas anders sein, weil es da die Opulenz bereits die Intention des Schaffers war (zumindest bei den "alten" Opern").

  • Quote

    Und genau da liegt aber die Utopie, da heutzutage fast kein historischer Stoff 1:1 auf die Bühne gebracht wird. So lange hat schlichtweg keiner Zeit, im Theater zu sitzen. Die meisten Stücke, die man im Theater sieht, sind gekürzt. Wenn du es in seiner Gänze verstehen willst, dann musst du es lesen. Und ICH lese zum Beispiel unheimlich ungern Stücke. Da steht wortwörtlich so viel zwischen den Zeilen :D

    Aber originalgetreue Fassungen wird man schon irgendwo mal sehen können. Nicht oft und ggf. teuer, aber irgendwo gibts das doch sicher ab und zu mal? Ich hab aktuell andere Pläne und Baustellen, also ich will jetzt keine Termine finden wo das möglich ist ;-) Aber prinzopiell gesehen.

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    Und dieses zwischen den Zeilen, das ist das, was Theatermacher, Regisseure und Schauspieler versuchen, auf die Bühne zu bringen. Davon hat nunmal jeder seine eigene Vorstellung.

    Da sind auch sicher gute Sachen dabei. Und irgendwas eigenes muss man antürlich immer einbringen, weil man ja einen Text auf die Bühne bringt und im Text steht nicht geschrieben ob der kleine Finger während des Wortes "Baum" gerade von den rest der Hand abgespreizt ist oder nicht ;-)
    Und wie gesagt, ich bin vielen Dingen offen, aber prinzipiell finde ich es gut wenn man versucht nahe am Original zu bleiben und man das zwischen den Zeilen lesen dem Publikum überlässt und es ihnen nicht diktiert (um es mal überspitzt zu formulieren) ;-)


    Ansonsten stimme ich Deinen Bruder schon zu, aber das ist dann eben auch Geschmackssache. Also man kann historische Stoffe auch mit wenig drum herum gut rüber bringen, da bin ich mir sicher. Aber ob man etwas sehen möchte, das abweicht vom historischen stoff oder ob man es so korrekt wie möglich am historsichen Stoff dran haben will, das ist eben Geschmackssache und ich hatte bisher nichts das mich irgendwie gereizt hätte an solchen Neuinterpretierungen. Dann soll man gleich was ganz neues schreiben.


    Ich übertrage es mal auf unser Thema hier im Forum:


    - Wenn ich mir die erste Staffel der Cosby Show anschauen will, schaue ich sie mir an und hoffe nicht dass ProSieben selbst eine Neuauflage dreht


    Sowas KANN interessant sein. Z.B. wenn jetzt ALF neu aufgelegt wird. Weil es ja kein Verlust ist wenns schlecht ist, wenn ich aber den Stoff erstmals greifen möchte, schaue ich mir natürlich lieber erstmal das Original an bevor ich mir die Neuauflage (soweit man es so neuauflegen würde, dass es einfach eine neue Erzählung der alten Serie wird, was ja nicht der Fall sein wird soweit ich weiss).

    „Glaube denen, die die Wahrheit suchen, und zweifle an denen, die sie gefunden haben.“


    André Gide

  • Mit dem Unterschied, dass Filme oder Serien in der Regel eben für immer auf irgendeinem Medium für die Nachwelt gebannt sind, Theaterstücke bzw. deren Bühneninszenierungen eben nicht.


    Und wenn du das Beispiel anbringst: Gerade bei Filmen gibt es doch auch genug Beispiele, dass Neuauflagen nicht immer schlecht sein müssen. So spontan fällt mir Oceans Eleven ein. Das ist eine Neuinszenierung des Stoffes von Frankie und seine Spießgesellen aus den 60ern. Natürlich ist das nicht der gleiche Film. Aber besser oder schlechter ist er aus meiner Sicht auch nicht, er ist eben nur eine Neuinterpretation.

  • Ich finde aber, dass bei Theaterstücken oft so ein Mörder-Cut stattfindet. Also man nimmt einen historischen Stoff der... wie soll ich das beschreiben. Wo halt extrem historische Fäden mit extrem überdrehten modernen Aspekten zusammengehauen wird. Wirkt dann für viele Intelektuell und Künstlerisch, ich finds oft nicht so ansprechend.


    Bei Neuverfilmungen ist es ja oft so dass die Idee übertragen wird und neu verfilmt wird. Oder genau das gleiche aber 1:1 übertragen auf eine andere Zeit.
    Im Theater wird das oft so sureal zusammen gehauen, wie in einem Fiebertraum. Ums mal wieder überspitzt zu formulieren :)

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    André Gide

  • Quote

    Ich finde aber, dass bei Theaterstücken oft so ein Mörder-Cut stattfindet. Also man nimmt einen historischen Stoff der... wie soll ich das beschreiben. Wo halt extrem historische Fäden mit extrem überdrehten modernen Aspekten zusammengehauen wird. Wirkt dann für viele Intelektuell und Künstlerisch, ich finds oft nicht so ansprechend.

    Das ist ein Klischee, weil du vielleicht mal ein paar Beiträge bei Kulturzeit gesehen hast. Da werden eben die extremen Sachen vorgestellt. Aber dem "normalen" Theatermacher ist schon darab gelegen, dass der Zuschauer nicht in den Zuschauerraum kotzt oder peinlich berührt ist, sondern den Stoff versteht und natürlich auch - je nach Stück - sich auch schlichtweg nur unterhalten fühlt.

  • Quote

    Aber dem "normalen" Theatermacher ist schon darab gelegen, dass der Zuschauer nicht in den Zuschauerraum kotzt oder peinlich berührt ist, sondern den Stoff versteht und natürlich auch - je nach Stück - sich auch schlichtweg nur unterhalten fühlt.

    Das hast Du wirklich schön gesagt :-)


    Deswegen bin ich auch für alles offen. Und da kann es gut sein dass mein Bild etwas verzerrt ist, in Bezug auf das was Du geschildert hast.


    Aber ich sag mal vieles hat seine Berechtigung.

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    André Gide

  • Ich mag moderne Elemente bis zu einem gewissen Maß. In Stuttgart war ich mal in einer Inszenierung von "Wie es Euch gefällt", die ich ganz furchtbar fand. Es war das erste und einzige Mal in meinem Leben, dass ich eine Inszenierung in der Pause verlassen habe und ich habe noch nie so einen Andrang an der Garderobe erlebt. Es war bis zur Unkenntlichkeit verfremdet. Da bin ich dann doch altmodisch. Wenn eine Frau sich als Mann verkleidet, dann sehe ich sie lieber in Männerkleidung als nackt mit so einem komischen hautfarbenen Kostüm mit einem herumbaumelnden Penis und dass die Leute Müllsäcke tragen, muss auch nicht sein. Und dann wurden auch noch kiloweise Tomaten zermatscht, hoffentlich wenigstens unverkäufliche Ausschussware, Rumschmierereien mit Lebensmitteln finde ich einfach unnötig. Das ist nun schon Jahre her, aber es war einschneidend genug :-D


    Überhaupt, ich bin nicht prüde, wenn es passt, dass sich wer auf der Bühne auszieht, ist es okay. In einer Hamlet-Inszenierung hat sich Hamlet ausgezogen, als er sagte "Ach schmölze doch dies allzufeste Fleisch", genauer gesagt hat er sich erst seiner Kleidung entledigt und dann sah es aus, als wolle er sich auch noch seinen Körper "ausziehen". Das habe ich an dieser Stelle verstanden, es ergab für mich Sinn. Und wenn Romeo und Julia in ihrer Hochzeitsnacht ins Bett gehen und sich dabei ihrer Kleidung entledigen, ist das auch völlig logisch.

    Oft habe ich mich bei Ausziehaktionen aber auch schon gefragt, was das nun soll, weil es für mich keinen erkennbaren Grund gab, warum sich ein Schauspieler an einer bestimmten Stelle entblößt.


    In den letzten Jahren habe ich aber keine solchen Inszenierungen mehr gesehen. Einmal gab es bei uns im Theater eine moderne Variante von Romeo und Julia mit ein paar Abweichungen vom Original, die fand ich aber trotzdem gut. Überhaupt ist die Palette ja sehr breit. Manchmal muss man halt wissen, in welches Theater man geht. In Stuttgart ist z.B. das Alte Schauspielhaus im Vergleich zum Schauspielhaus etwas klassischer aufgestellt, auch mal mit modernen Elementen, aber traditioneller, weniger experimentell. Wobei ich auch beim Schauspielhaus schon schöne Stücke gesehen habe.


    Was das Video angeht, so stimme ich der Aussage zu, dass Regieanweisungen und Co. im Kontext ihrer Zeit betrachtet werden sollten. Würden alle Theater es immer 1:1 so umsetzen, wäre es ja auch irgendwie langweilig. Ich schaue mir gerne verschiedene Inszenierungen der gleichen Stücke an und finde es spannend, was es da für Unterschiede gibt. Ob klassisch oder modern, ich mag eigentlich die gesamte Bandbreite, aber ich mag nicht, wenn es zu effekthascherisch ist oder ich vor lauter Verfremdung das Stück nicht mehr erkenne.

    Wir wissen wohl, was wir sind, aber nicht, was wir werden können. (William Shakespeare)

  • Was das Video angeht, so stimme ich der Aussage zu, dass Regieanweisungen und Co. im Kontext ihrer Zeit betrachtet werden sollten. Würden alle Theater es immer 1:1 so umsetzen, wäre es ja auch irgendwie langweilig. Ich schaue mir gerne verschiedene Inszenierungen der gleichen Stücke an und finde es spannend, was es da für Unterschiede gibt. Ob klassisch oder modern, ich mag eigentlich die gesamte Bandbreite, aber ich mag nicht, wenn es zu effekthascherisch ist oder ich vor lauter Verfremdung das Stück nicht mehr erkenne.

    Sehr ich ganz genau so. Ich glaube nicht, dass Theater nur unterhalten soll sondern durchaus auch einen gewissen Bildungsauftrag hat, was auch beinhaltet, historische Stücke in die Moderne zu bringen, denn ganz oft sind die behandelten Stoffe immer noch aktuell. Aber ich finde nicht dass das immer mit Nackheit verbunden sein muss. Oder so obskuren Elementen, die keiner versteht.