Erschreckende Darmkrebs-Vorsorge-Werbung

  • Zur Zeit läuft im deutschen Werbefernsehen ein erschreckender Spot zur Darmkrebs-Vorsorge:


    Das ganze ist aufgebaut wie die Aufführung eines Grundschul-Theaters. Man sieht einen ca. 9 jährigen Jungen im Anzug vor einem Vorhang, der das Stück ankündigt mit den Worten:"Dies ist für alle Erwachsenen... (kurze Pause) ... die sich um alles kümmern.
    Dann geht der Vorhang auf und man sieht zentral eine große Pendeluhr. Gleichzeitig singen Kinder dieses Lied, immer wieder mit einem Tick tack, tick tack vor und nach jeder Zeile:

    Quote

    Endlich das Auto waschen,
    den Chef glücklich machen,
    alle Bücher neu sortieren,
    die Pokalsammlung polieren...


    Bis dahin wirkt alles recht fröhlich. Doch nach gerade mal 20 Sekunden wird es düster! Die Kinder fahren Fort mit:

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    Für jeden SCHEISS (SEHR LAUT!) hast Du Zeit gehabt...


    Das Bild wird dunkel und die Bühne verwandelt sich in einen Friedhof

    Quote

    Dafür hat Dich jetzt...
    (kurze Pause)
    ...der Krebs umgebracht!
    Tick tack, Tick tack, (zum ABschluss SEHR laut) TOT!

  • Der Rest des Werbespots ist totenstill. Abschliessend wird eingeblendet:

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    Ausreden können tödlich sein. Gehen Sie zur Darmkrebs-Vorsorge!


    Was haltet Ihr von dieser ungewöhnlich ershcreckenden Werbung?
    Ich persönlich finde es doch ein Bisschen zu krass. Darum werde ich den Spot auch bewusst nicht verlinken! Ich weiß ja, dass gerade dieses Thema sehr wichtig ist, aber das geht auch schonender. Schliesslich haben vor nicht allzu langer Zeit auch bekannte Komiker für die Darmkrebs-vorsorge geworben.

  • Es ist sicherlich verständlich, dass man angesichts der Unvernunft der Menschen zu drastischen Maßnahmen greift. Andererseits sehe ich das eingedenk der Tatsache, dass es uns auf Dauer nicht das Leben retten wird und wofür wir noch so alles Vorsorge betreiben müssen, nicht als vorderste Priorität an, das eigene Leben zu retten.


    Ich könnte, finanzielle Mittel vorausgesetzt, innerhalb kurzer Zeit einen Spot über die zu erwartenden Klimaveränderungen der nächsten 30 bis 50 Jahre machen, der so manchem klar werden lässt, das wir uns die Darmkrebsvorsorge absolut sparen können. Ich könnte Spots über das Rauchen machen (gibt es aber schon), gegen die der Darmkrebs wie Sodbrennen wirkt. Wir haben weiß Gott so viele Probleme, dass es eigentlich ausreichen müsste, darauf hinzuweisen, dass es für unsere Gesundheit gut wäre, das zu tun. Aber ich muss so viel andere Dinge tun, 24 Stunden reichen da nicht.


    Es wäre außerdem eine Hilfe, wenn man mal damit begönne, eine Darmspiegelung so durchzuführen, dass sie auch ohne Narkose schmerzfrei wäre. Es ist ja nebenbei nicht so, dass man da einfach hingeht, sich spiegeln lässt und dann wieder nach Hause geht. Das bedarf eines Vorlaufes und jede Menge künstlich erzeugten Durchfall, der nach der Spiegelung anhalten und blutig sein kann. Dass es also nicht wehtut, hilft da wenig. Den sensiblen Männern schon gar nicht. ;)


    Schließlich kenne ich einen, der durch Ärztepfusch gar keinen Darm mehr hat, jedenfalls keinen, der durchgängig zu beleuchten wäre. Hier könnten die Ärzte selbst Vorsorge betreiben.

    Eine Diskussion ist ein Austausch von Gedanken, bei dem immer die Gefahr besteht, dass man überzeugt wird.

    Hans Moser

  • Und ich wollte dir sagen, dass du nicht geschockt sein musst. Ein Freund von mir hat nach Nieren- und Lungenkrebs nun Knochenkrebs bekommen, der 3. Krebs innerhalb von 6 Jahren. Was hätte ihn da die Darmvorsorge gebracht?


    Ich will sagen, es gibt so viele Gebote zur Vorsorge. Wer soll denn da durchblicken? Willst du wirklich ständig zu irgendwelchen Ärzten rennen, um jedes einzelne Organ auf Krebs zu prüfen? Es gibt über 20 Krebsarten, alle einmal im Jahr abzuprüfen. Schön! Sag das mal deinem Chef. Und da ist die Kariesvorsorge noch nicht enthalten! Solche Werbespots sind nur gut für Hypochonder, die man dann vollends in Panik versetzt.


    Wie gesagt: Für mich ist das verständlich, wenn man wirklich das lautere Ziel hat, Leben zu retten. Aber es ist nicht geeignet, die Widersprüche darin aufzulösen.

    Eine Diskussion ist ein Austausch von Gedanken, bei dem immer die Gefahr besteht, dass man überzeugt wird.

    Hans Moser

  • Ich sehe es wie No Nick


    Und auf die Frage von Blitz bezogen: Ich habe mir die Werbung gerade angeschaut (die ist im Netz schon über ein Jahr) und ich finde die Werbung nicht schlimm und nicht schockierend. Soweit sie nicht tagsüber gezeigt wird, in Bezug auf Kindern finde ich das nicht ganz so passend.
    Viel schlimmer finde ich die Zigaretten-Abschreck-Bilder, die eine Frechheit gegenüber mündige Bürger sind - und noch schlimmer - sichtbar für Kinder im Einkaufswägen auf Sichthöhe. Die Werbung selbst dagegen finde ich nicht so schockierend. Die Anklage die dahinter steht finde ich vielleicht etwas unpassend (dazu wieder passend No Nicks Ausführungen).

    „Glaube denen, die die Wahrheit suchen, und zweifle an denen, die sie gefunden haben.“


    André Gide

  • Diese Abschreckbilder sind meiner Meinung nach reiner Aktionismus. Auf mich hatten sie beim Ansehen nur das erste Mal eine Wirkung. Danach hat der Gewöhnungseffekt eingesetzt. Viel problematischer finde ich es, dass sie für Kinder auf Sichthöhe sind.


    Ärztepfusch (oder auch Skrupellosigkeit) ist dann noch einmal ein eigenes Thema. Da kann bestimmt jeder von uns hier die eine oder andere "Anekdote" erzählen.

    An actor remembers his first piece of published praise. It is written on his heart. (Conrad Veidt)

  • Quote

    Viel problematischer finde ich es, dass sie für Kinder auf Sichthöhe sind.


    Genau das sehe ich auch als Hauptproblem.


    Quote

    Danach hat der Gewöhnungseffekt eingesetzt.


    Und das ist auch ein wichtiger Aspekt - man gewöhnt sich irgendwann dran. Und das finde ich schlimm gesellschaftlich gesehen, weil solche Anblicke dann nicht mehr unnormal sind und manche Hemmungen fallen bzw. fallen könnten.

    „Glaube denen, die die Wahrheit suchen, und zweifle an denen, die sie gefunden haben.“


    André Gide

  • man gewöhnt sich irgendwann dran. Und das finde ich schlimm gesellschaftlich gesehen, weil solche Anblicke dann nicht mehr unnormal sind und manche Hemmungen fallen bzw. fallen könnten.


    Das kommt dann leider auch noch dazu! In diesem Zusammenhang wäre es auch mal interessant, Nachrichtensendungen zu untersuchen, vor allem inhaltlich. Ich halte es durchaus für möglich, dass das bei der Themenwahl mit hineinspielt - natürlich ohne das jetzt beweisen zu können.

    An actor remembers his first piece of published praise. It is written on his heart. (Conrad Veidt)