Sie sind nicht angemeldet.

  • Anmelden
  • Registrieren

Conrad

Profi

Registrierungsdatum: 25. Mai 2011

Beiträge: 1 599

1

Mittwoch, 29. November 2017, 22:50

Oskar Gröning haftfähig

Ich habe eben folgende Nachricht gelesen:
http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgesc…mann-haftfaehig
Das heißt, ein 96jähriger Mensch muss für 4 Jahre ins Gefängnis, eine Zeit, die er mit großer Wahrscheinlichkeit sowieso nicht lange überleben wird.
Ich weiß nicht so recht, ob man da nicht die Augen davor verschließen will, dass man in Deutschland diese NS-Kriegsverbrecherprozesse zu lange nur halbherzig durchgeführt hat. Ich habe den Eindruck, dass man da verzweifelt versucht, nachzuholen, was man versäumt hat und dass einem die Zeit wegrennt.
Ich bin überzeugt davon, dass dieses Urteil gerechtfertigt ist, bei der heftigen Anklage wohl eher zu milde. Und dass Gröning seine Taten bereut, wie er behauptet hat, nehme ich ihm auch nicht ab. Es ist auch erst recht richtig, dass man in Deutschland Mord nicht verjähren lässt. Insofern muss man diese Anklagen natürlich ernsthaft durchführen.
Aber trotzdem: Wenn man sich die Prozesse in letzter Zeit anschaut... Da erwischt man uralte Leute, bei denen man Glück haben muss, wenn sie den Prozess überhaupt noch erleben. Oder man muss sie dreivierteltot auf Tragen in den Gerichtssaal schleppen, wie das glaub ich bei John Demjanjuk der Fall war.
Ich bin da etwas zwiegespalten, ob man solch uralte Personen noch wegsperren sollte. Ich weiß es einfach nicht...
Wie seht ihr das?
  • Zum Seitenanfang

No Nick

Erleuchteter

Registrierungsdatum: 30. Oktober 2015

Beiträge: 3 022

2

Donnerstag, 30. November 2017, 01:59

Ich finde die Begründung des Gerichts absolut nachvollziehbar. Allerdings hast du auch recht; gegen Gröning wurden schon öfters Ermittlungsverfahren eingeleitet, und nie ist etwas passiert. Dennoch: Wenn der Gutachter zu dem Schluss kommt, er sei fit genug für die Haft, dann kann es nicht sein, dass er allein wegen des Alters geschont wird. Ich fände es diskriminierend, wenn zwei Täter das gleiche tun, und nur einer wird verurteilt aus dem nichtigen Grund, weil er jünger ist.

Aufgrund des Alters hätte ich aber vorgeschlagen, die Haftfähigkeit halbjährlich oder jährlich zu prüfen. Ich gehe auch nicht davon aus, dass er volle vier Jahre sitzen muss. Oft wird ja bei guter Führung nach 2/3 die Reststrafe auf Bewährung erlassen, so dass er im Juli 2020 wieder frei käme. Die Wahrscheinlichkeit, dass er noch einmal straffällig wird, dürfte gering sein.
Pfui Deibel, ist die hässlich!
  • Zum Seitenanfang

Conrad

Profi

Registrierungsdatum: 25. Mai 2011

Beiträge: 1 599

3

Donnerstag, 30. November 2017, 08:48

Ich fände es diskriminierend, wenn zwei Täter das gleiche tun, und nur einer wird verurteilt aus dem nichtigen Grund, weil er jünger ist

Mir ist dazu auch noch eingefallen, dass Haftstrafen zwar offiziell keine "Strafen" sein sollen, aber de facto sind sie es ja doch. Und für die noch lebenden Verwandten der Opfer stellt sich die Sache natürlich ganz anders dar als für mich.
Außerdem, wenn ich bedenke, dass mein Vater, der damals teilweise ziemlich rechtslastige Ansichten hatte, schon Anfang der 80er Jahre mit genau dem gleichen Argument gekommen ist wie ich jetzt, habe ich erst recht kein gutes Gefühl dabei...
Wie gesagt, ich tu mich da mit einer Bewertung unglaublich schwer...

Ich habe mittlerweile gemerkt, dass die größte Belastung bei solchen Prozessen oft die Kinder der Täter zu tragen scheinen. Ich kenne die Töchter eines verurteilten NS-Täters. Sie gehen mittlerweile auf die achtzig zu. In den fünfziger Jahren wurden sie plötzlich damit konfrontiert, dass gegen ihren Vater eine Mordanklage am Laufen war. 1960 wurde er dann zu drei Jahren Haft verurteilt, und sie haben sich vor allen anderen bloßgestellt und von den Verwandten alleingelassen gefühlt. Und jetzt ist eine der Töchter seid Jahren am Grübeln wie sie das ihren Enkeln erzählen soll, ohne dass sie ihren Urgroßvater ablehnen.
Das Thema ist seit über sechzig Jahren immer noch ganz zentral in ihrem Leben.

Und das war ein ganz ganz "kleines Licht" im Vergleich zu anderen Tätern. Ich habe mal die Tochter von Rudolf Höß bei Jürgen Fliege gesehen. Sie war dort zusammen mit einem ehemaligen KZ-Häftling eingeladen. Er hat sie angebrüllt und angegiftet, als sei sie verantwortlich dafür, was ihr Vater getan habe. Sein Schmerz war zumindest dort zu purem Hass geworden, dem sie nicht das Geringste entgegensetzen konnte. Ich habe damals beim Sender angerufen und gefragt, was das soll, einen Menschen im Fernsehen derart fertigzumachen und die Sendung auch noch auszustrahlen.
  • Zum Seitenanfang

No Nick

Erleuchteter

Registrierungsdatum: 30. Oktober 2015

Beiträge: 3 022

4

Donnerstag, 30. November 2017, 14:15

Mir ist dazu auch noch eingefallen, dass Haftstrafen zwar offiziell keine "Strafen" sein sollen, aber de facto sind sie es ja doch. Und für die noch lebenden Verwandten der Opfer stellt sich die Sache natürlich ganz anders dar als für mich.
Außerdem, wenn ich bedenke, dass mein Vater, der damals teilweise ziemlich rechtslastige Ansichten hatte, schon Anfang der 80er Jahre mit genau dem gleichen Argument gekommen ist wie ich jetzt, habe ich erst recht kein gutes Gefühl dabei...
Wie gesagt, ich tu mich da mit einer Bewertung unglaublich schwer...


Vielleicht, weil man selber älter wird? Vielleicht, weil es für uns doch zu lange her ist und wir nicht direkt betroffen sind? Meine Mutter ist Jahrgang 1944 und kennt nur noch die Hungerzeit nach dem Krieg. Ich selbst habe nur eine Kriegsruine gesehen - 1988 im damaligen Ost-Berlin.

Wenn Oskar Gröning Haftverschonung bekommen hätte, wäre das für mich auch in Ordnung gewesen. Ich bin sicher, auch das hätte ein Gericht gut begründen können.
Pfui Deibel, ist die hässlich!
  • Zum Seitenanfang

Conrad

Profi

Registrierungsdatum: 25. Mai 2011

Beiträge: 1 599

5

Montag, 12. März 2018, 22:41

Heute kam in den Nachrichten, dass Oskar Gröning am Freitag gestorben ist.
Man setzt natürlich Zeichen, wenn man solche Leute endlich verurteilt, aber gleichzeitig wird daran deutlich, dass man die juristische Aufarbeitung viel zu lange viel zu schüchtern angegangen hat. Mir kommt es vor wie ein verzweifelter Kampf gegen die Zeit. Man hetzt von einem zum anderen und hofft, die Person noch schnell zu erwischen, bevor sie wegstirbt.
  • Zum Seitenanfang