Mein Alter Simpl

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Datum: 11.04.2010 | VÖ: 25.03.2010 | Herausgeber: Hirschkäfer Verlag | Kategorie: Sachbuch

Was haben Rudi Carrell, Brigitte Bardot, Franz Josef Strauß, Caterina Valente, Bernd Eichinger, Inge Meysel, Abi Ofraim, Wolfgang Neuss, Helmut Fischer, Mildred Scheel, Rainer Basedow, Udo Lindenberg, Robert de Niro oder Gert Fröbe gemeinsam? Ganz einfach: Sie waren zwischen 1960 und 1992 allesamt Gäste der Künstlerkneipe "Alter Simpl" in der Münchner Maxvorstadt. In diesen 32 Jahren war das Münchner Urgestein Toni Netzle Wirtin des legendären Lokals. Dass in einer solchen Zeitspanne unheimlich viele lustige, spannende und kuriose Dinge passieren, davon kann ein so mancher Kneipenwirt ein Liedchen singen. Aber welche Lokalität kann schon von sich behaupten, dass bei einem als erster in der Bundesrepublik überhaupt die Ofraims aufgetreten sind? Oder dass die Schwabinger Krawalle nicht nur direkt vor der Haustür stattgefunden haben, sondern zum Teil sogar direkt in den eigenen vier Wänden? Toni Netzle kann das von ihren Simpl ohne Übertreibung sagen. Man kann sich vorstellen, was sie in der aufregenden Zeit ab den frühen 60er Jahren in München mitten in diesem Mikrokosmus alles miterleben durfte, durchleben musste und überlebt hat. Unzählige Polizeieinsätze, Schlägereien, Besäufnisse, spontane Darbietungen oder auch einfach das nette Gespräch bei einem Bierchen. Dass die oben aufgeführten Geschehnisse und Namen nur ein Bruchteil von dem sind, was in Verbindung mit dem Simpl nennenswert ist, liegt auf der Hand.

Nachdem Toni Netzle ihren Lebensmittelpunkt im Jahr 1992 wieder auf die Schauspielerei verlagerte, dauerte es natürlich einige Zeit, bis sie ihre langjährigen Erlebnisse emotional verdauen konnte. Nach über zehn Jahren Pause begann sie dann auf Anraten einiger Freunde, ihre Erinnerungen auf Papier zu bringen. Jedoch musste sie lange suchen, bis ein Verlag ihr Manuskript veröffentlichen wollte. Der Hirschkäfer-Verlag, der schon viele tolle Bücher mit Münchner Themen veröffentlicht hat, nahm sich der Sache an und hat eine Buchveröffentlichung pünktlich zu Toni Netzles 80. Geburtstag im März 2010 verwirklichen können. Dass sich das Projekt, das auf den Namen "Mein Alter Simpl" hört, gelohnt hat, merkt man schon auf den ersten Seiten des Buches: Ohne große Umschweife entführt die Autorin den Leser auf eine Zeitreise durch die Geschichte des Simpls. Angefangen von der legendären satirischen Zeitung Simplicissimus mit ihren Herausgebern, die für die Münchner Wirtin Kathi Kobus der Grund war, die von ihr frisch gepachtete Kneipe "Kronprinz Rudolf" in "Simplicissimus" umzubenennen, bis hin über die Kriegswirren, den zahlreichen Pächter, die es oft nur kurze Zeit schafften, das Lokal zu halten, bis in die 60er Jahre hinein, als Toni Netzle das Lokal vor der endgültigen Schließung rettete und zu neuem Glanz über Jahrzehnte hinweg verhalf.

Natürlich liegt der Fokus dieses Buches in erster Linie auf den persönlichen Erinnerungen von Toni Netzle. Nachdem die hochinteressante Geschichte des Lokals in den ersten Abschnitten abgehandelt wird, taucht man langsam in die Ära von Toni Netzle ein. Eine ungeheuer große Vielzahl an Geschichten, Anekdoten und Geschehnissen, die sich allesamt in den Räumlichkeiten des Simpls abgespielt haben, erwartet den Leser. Dabei merkt man nicht, wie die Zeit beim Lesen verfliegt und ebenso wenig hat man ein Zeitgefühl für die einzelnen Geschichten, die so kompakt erzählt werden, zwischen denen jedoch in Wirklichkeit Jahre und Jahrzehnte liegen. Die Erlebnisse rund um den Alten Simpl bleiben bis zur letzten Seite des Buches fesselnd und so manche Geschichten hinterlassen einen bleibenden Eindruck, sodass man noch den ein- oder anderen Gedanken darüber verlieren wird, wenn das Buch schon lange wieder im Regal steht und bei manchen wird es sicher ein Grund sein, das Buch wieder einmal in die Hände zu nehmen.

Eine große Bereicherung zu den Erinnerungen von Toni Netzle sind die tollen Bilder, die fast auf jeder der 200 Seiten zu sehen sind und für ein Wiedersehen mit unzähligen Persönlichkeiten des letzten Jahrhunderts sorgen. Das Buch selbst wurde gebunden und macht aus diesem Grund auch im Regal einiges her.
Unterm Strich bleibt mir nichts anderes übrig als eine Empfehlung auszusprechen und das nicht nur für Münchner oder zeitgeschichtlich interessierte. Die Erlebnisse von Toni Netzle in ihrer Zeit als Simpl-Wirtin sind unterhaltsam und interessant für Jedermann. Die Geschichten sind aus dem Leben gegriffen und äußerst kurzweilig. Nach dem Lesen des Buches, das ohne große Umschweife und Pathos zu Ende geht, bleibt ein angenehmes Gefühl, den Eindruck München und den Alten Simpl ein bisschen besser zu kennen und die Faszination darüber, dass ein einziges Lokal so sehr in Verbindung mit der Zeitgeschichte stehen kann. (sk)

Wertung: 8 von 10 Punkten (8 von 10 Punkten)

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