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TV-KULT | Interview: Edwin Beijer



Edwin Beijer

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Fernsehpiratensender waren in den 80er Jahren in den Niederlanden keine Seltenheit. Einer dieser zahlreichen Fernsehpiraten war Edwin Beijer aus Hengelo, dessen Sender über mehrere Jahre im lokalen Kabelfernsehen zu sehen war. Über seine Zeit als TV-Pirat hat er uns in einem Fragebogen-Interview ausführlich Auskunft gegeben. Außerdem finden Sie am Ende des Interviews eine Galerie, in welcher unter anderem einige Bilder aus dem damaligen Programms des Piratensenders zu sehen sind.

Redaktion: Wann und wie bist Du überhaupt auf die Idee gekommen, einen Fernsehpiratensender zu betreiben? Wurdest Du durch bereits bestehende Fernsehpiraten dazu inspiriert?

Ich war schon sehr früh begeistert von unsichtbaren Radiowellen. Angefangen habe ich dann als Radiopirat, um mit anderen Interessierten Kontakt zu knüpfen. Fernsehtechnik und Fernsehempfang haben mich aber auch schon sehr früh begeistert und zu einem gewissen Zeitpunkt hatte ich mir ausgedacht, dass es theoretisch möglich sein könnte, mit einen Videorecorder Signale zu erzeugen, die ich dann mithilfe eines Verstärkers in die Antenne der Kopfstelle einspeisen könnte.

Redaktion: Wann hast Du zum ersten Mal gesendet und was war in Deiner ersten Sendung zu sehen? Wie hieß Dein Sender?

Das muss irgendwann um 1984 herum gewesen sein. Anfangs nur Tests mit aufgezeichneten Fernsehsendungen, Videoclips, aber auch TV-DX Aufzeichnungen.

Mein Sendername war am Anfang "Kanaal Nul".

Redaktion: Mit welcher technischen Ausrüstung hast Du gesendet und wo hast Du die Ausrüstung herbekommen? Konnte man diese normal im Handel kaufen oder hast Du die Geräte selbst gebaut?

Die Sendeanlage habe ich fast komplett selbst hergestellt, teilweise experimentell, aber auch entnommen aus Unterlagen, genutzt von lizenzierten Radioamateuren. Die Bauteile konnte ich im Elektronikladen kaufen. Als dann später die Sendeleistung höher wurde, habe ich Leistungstransistoren in Amsterdam gekauft, weil die dort preisgünstiger waren.

Redaktion: Auf welche technische Weise ist das Programm zu den Fernsehzuschauern gekommen? Wo konnte man Deinen Piratensender empfangen?

Mittels der Übertragung über 600 Meter zur Antenne der Kopfstelle erreichte ich anfangs ganz Hengelo. Zu dieser Zeit kamen auch noch Stadtteile hinzu. Am Ende dieses Ausbaus ist auch noch Borne mit dazu gekommen.

Redaktion: Wie oft und zu welchen Zeiten hast Du gesendet und welche Sendungen hast Du damals ausgestrahlt?

Das war sehr unterschiedlich, manchmal zwei Tage hintereinander, wenn ich etwas Neues testen wollte, manchmal einen ganzen Monat gar nicht. Als alles mehr oder weniger professionell gestaltet wurde, durch Zusammenarbeit mit einem Videokünstler, haben wir den Sendernamen geändert in "Zero TV". Ab dann haben wir mehr alternative Programme gesendet, teilweise auch schon ausgestrahlte Programme vom lokalen Fernsehen aus Enschede: KWW-TV.

Redaktion: Was war die spektakulärste oder interessanteste Sendung, die Du ausgestrahlt hast?

Die am meisten gesehene Sendung war eindeutig eine Autofahrt durch Hengelo, kreuz und quer durch die Innenstadt, aus dem fahrenden Auto gefilmt.

Noch spektakulärer war aber eine spontane Zusammenarbeit mit einem ehemaligen Radiopiraten und einer Call-In-Telefonnummer. Mithilfe dieses Radiopiraten wurde eine Verbindung zu dieser Call-In-Babbelbox erreicht. Ich schaltete das Audiosignal von seinem UKW-Piratensender auf meinen Fernsehsender auf. So konnten sich bis zu zehn telefonierende Zuschauer am Fernseher zurückhören. In der geringstmöglichen Zeit waren dann zehn Zuschauer auf Sendung. Die Betreiber am Call-In haben sich sehr gewundert, wieso mehrmals ganz kurz nur Leute aus Hengelo anriefen.

Technisch spektakulär war es für mich, meinen Sender auf den Funkturm in Markelo selbst empfangen zu haben. Ich hatte damals eine Lehrstelle am Fernsehturm. Dann habe ich morgens um 8 Uhr nach Hause angerufen und dann hat meine Mutter die Sendeanlage eingeschaltet, mit der Kabelfernsehzeitung Hengelo. Zur heutigen Zeit ist es kaum zu glauben, dass damals um diese Zeit dann noch gar keine Sendung lief. Ein PTT-Mitarbeiter hat mir dann einen schönen Empfangsbericht geschrieben!

Redaktion: Welchen Bekanntheitsgrad hatte Dein Sender? Gab es Resonanz von den Zuschauern? Ist auch die örtliche Presse darauf aufmerksam geworden?

Die meisten Berichte bekam ich in der Schule von anderen Studenten und Radiopiraten. Die beste Resonanz war natürlich der erste Zeitungsbericht im "Twensche Courant" am 24. August 1986. Der größte Witz war, dass ich diese Zeitung selbst auch ausgetragen habe, als Nebenjob zur Finanzierung der Elektronikteile!

Es ist auch mal vorgekommen, dass meine Sendung in der Diskothek mit einem Beamer groß präsentiert wurde. Ich hatte hierfür eine VHS-Videokassette mit Videoclips von Duran Duran geliehen. Ich bekam diesen Bericht im Elektronikladen, er fand es eine gute Sendung!

Jahre später haben wir einmal live eine (geheime) Telefonnummer genannt. Die größte Resonanz kam von einem Antiquitätenhändler, wenn ich mich gut erinnere. Dieser Mann erzählte, dass er zwei Fernseher im Schlafzimmer hatte, einer nach Sendeschluss immer auf den Kanal von ARD eingeschaltet, um nichts zu verpassen.

Redaktion: Hattest Du damals Angst, ausgehoben zu werden? Welche Konsequenzen hätten dann gedroht?

Angst davor war schon ein wenig da, aber nach einiger Zeit gewöhnt man sich daran. Einmal wurde es aber richtig spannend! Um etwa zwei Uhr in der Nacht stoppte ein Auto in der Straße und schaltete die Lichter aus. Es stieg aber keiner aus! Da glaubte ich, es könnte ein PTT-Fahndungswagen sein: Ich dachte: nicht gleich abschalten, nicht reagieren. Als dieses Auto dann lange Zeit stehen blieb, bin ich nach draußen gegangen und habe mich dem Auto langsam angenähert. Dann sah ich ein Liebespaar im Auto! Die haben wohl einen ziemlich großen Schreck bekommen, als Sie mich sahen.

Ich hatte jedoch immer gehofft, keine große Strafe zu bekommen, sondern nur eine Warnung und Beschlagnahmung des Senders.

Redaktion: Wann und warum hast Du Deinen Piratensender wieder aufgegeben?

Jahrelang habe ich auf dem Kanal 32 der ARD gesendet. Es würde immer später und später bis zum Sendeschluss des Senders Münster. Anfang der 90er Jahre bin ich dann umgezogen in eine eigene Wohnung. Wegen einer anderen Antennenrichtung zur Kopfstelle des Kabelnetzes musste ich meine Sendefrequenz auch ändern: NDR 3 Lingen Kanal 59. Optimal war die viel frühere Abschaltung, manchmal gerade um Mitternacht! Auch super war eine für die Behörden so gut wie unauffindbare Wohnung in Hengelo: Der Kasbah, komplett eingemauert und die Sendeantenne unter dem Dach. Leider habe ich dies nur ein paar Jahre genießen können. Mein Piratenzeitalter stoppte zuerst durch den 24-Stunden-Betrieb von NDR 3 mit Videotext, mit Flugdaten für den Flughafen Münster-Osnabrück, wie ich mich erinnere.

Innerhalb eines Jahres stoppte dann aber auch die Möglichkeit, über den Kanal der ARD zu senden: Die Kabelnetze von Hengelo und Borne bekamen ihre Radio- und Fernsehsignale über Glasfaser aus Enschede. In der letzten Nacht vor dieser Umschaltung am 5. Dezember 1993 haben wir dann noch einmal eine Sendung von Elternhaus realisiert. Mit nahezu live übertragenen Kamerabildern haben wir nachts einen Abschied in der Nähe der ehemaligen Kabelfernsehempfangsstelle aufgenommen.

Redaktion: Was ist aus heutiger Sicht die schönste Erinnerung, die Du mit Deiner Piratenzeit verbindest?

Die fast unglaubliche Idee, zuhause einen Einspeisepunkt in die Kabelnetze von ganz Hengelo und Borne zu haben, 8 Jahre lang unbegrenzte Freiheit zu haben, alles probieren zu können, verrückt!

Redaktion: Wie sah es damals mit der Fernsehpiratenszene in den Niederlanden im Allgemeinen aus? War es ein weitverbreitetes Phänomen? Gab es bestimmte Regionen in den Niederlanden, in denen Fernsehpiraten besonders verbreitet waren?

Ich glaube schon, dass es viele Fernsehpiraten gab. In Hengelo habe ich schon zweimal andere, unbekannte Piraten gesehen. In Enschede sollte es angeblich auch ein Fernsehpirat gegeben haben. Während eines Betriebsbesuchs beim Fernsehturm Lopik hörte ich eine lustige Geschichte in Sachen Fernsehpirat. Am Turm gab es Ballempfang für alle Grundnetzsender in den Niederlanden. Als sich dann nach Sendeschluss am Monitor Wieringermeer ein Fernsehpirat sichtbar machte, beschloss der Techniker, den entsprechenden Grundnetzsender wieder einzuschalten. Eine Viertelstunde später hat er dann wieder abgeschaltet. Und da ging dieser Fernsehpirat wieder auf Sendung! Also Grundnetzsender wieder eingeschaltet. Dann klingelte das Telefon an der Überwachungsstelle mit der Frage, ob der Sender abgeschaltet werden könnte! Der Techniker hat geantwortet, er sollte besser ein interessantes Telefonat führen.

Redaktion: Was haben andere Fernsehpiraten eigentlich gesendet? Waren die Piraten allgemein in der Bevölkerung populär?

Ich schätze, die meisten Piraten sendeten Pornos oder richtige Spielfilme. Das bringt natürlich schnell große Bekanntheit, aber auch Feinde. Es kann sein, dass mich die Behörden wegen des Fehlens dieser Gründe in Ruhe gelassen haben.

Redaktion: Gab es einen regelmäßigen Austausch der Fernsehpiraten untereinander? Hattest Du auch Kontakt zu anderen Fernsehpiraten? Hat man sich gegenseitig beraten und unterstützt?

Ich habe nur Kontakt gehabt zu einem anderen Fernsehpirat, der auch schon im Radio vertreten war, Sendername "Monitor". Wir haben zusammen an unseren Fernsehsendern gearbeitet und experimentiert. Die beste Zeit war, als wir zeitgleich ARD und NDR 3 nutzten, um somit full duplex mit einander reden zu können.

Redaktion: Gab es auch Kontakt zu Fernsehpiraten außerhalb der Niederlande?

Nein. Es gab auch kein Internet zu diesem Zeitpunkt.

Redaktion: Sind die Behörden häufig gegen die Fernsehpiraten vorgegangen oder konnten sie meist unbehelligt senden?

Im Internet ist einiges zu lesen über ehemalige Fernsehpiraten. Manchmal sind die Videothekenbetreiber gegen die Fernsehpiraten vorgegangen, weil diese Betriebsschäden verursachten und sonst passierte nichts. Aber auch die Behörden haben Fernsehpiraten zum Schweigen gebracht!

Redaktion: Haben andere Medien häufig über die Aktivitäten der Fernsehpiraten berichtet?

Es gab damals eine Zeitung namens FRM (Free Radio Magazine). Diese Zeitschrift war bestens in Sachen Piraten informiert.

Redaktion: In Deiner Region gibt es auch heute noch viele Radiopiraten. Hat es auch einen Austausch oder gar eine Zusammenarbeit zwischen Radio- und Fernsehpiraten gegeben oder waren es zwei verschiedene Welten, die nichts miteinander zu tun hatten?

Am Anfang hatte ich noch Kontakt zu Radiopiraten. Später bekam ich Arbeit beim Kabelfernsehen und dann war ich mehr auf diesen Weg angewiesen, mich mit der Technik zu befassen.

Redaktion: Wann endete allgemein das Zeitalter der Fernsehpiraten in den Niederlanden und warum?

Laut Internet endete dies 1992 mit der Verpflichtung, die Kabelnetze außerhalb der Programmzeiten zu schließen. Grund waren mehr oder weniger die Urheberrechte, die durch Ausstrahlung dieses Material natürlich verletzt wurden. In den Kabekopfstellen sind dann sogenannte "Piratensloten" installiert, ich habe die später beruflich auch gesehen. Mithilfe einer Telefonsteuerung konnte man dann nach Sendeschluss Testbilder aufschalten. Interessant ist aber zu erwähnen, dass es für Kabelnetzbetreiber ab diesem Zeitpunkt strafbar war, Fernsehpiraten durchzulassen.

Redaktion: Ist es vorgekommen, dass Menschen, die beim Piratenfernsehen angefangen haben, später im legalen Fernsehen Karriere gemacht haben?

Ich habe selbst Karriere gemacht beim Kabelfernsehen, bis in die UPC-Kopfstelle Amsterdam und in die landesweite Fernseh-Infrastruktur der PTT. Rein zufällig begegnete mir dort ein alter Bekannter, der auch in Hengelo Radiopirat war, die Welt ist klein!

Redaktion: Vielen Dank für Deine Auskunft!

Der Beitrag wurde am 28.03.2013 von jh verfasst.

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