Vor kurzem habe ich wieder einige Dutzend Feldpostbriefe einer deutschen Familie aus dem Zweiten Weltkrieg erstanden. Besonders interessant sind zwei Briefe die ein in Brüssel stationierter (vermutlich "Luftwaffen Kdo. d.Fliegerkorps II") deutscher Unteroffizier Adolf B. ("Lg.Pa.Brüssel" bedeutet "Luftgau Postamt Brüssel") an seine Brüder (auch bei der Luftwaffe, Karl ist Obergefreiter, in München stationiert) schreibt. Beide Briefe wurden mit Schreibmaschine verfasst und stammen aus dem Jahr 1944. Der Verfasser schreibt viel interessantens und wissenswertes über den Kriegsverlauf. Auch über die V1 (Vergeltungswaffe 1) freut er sich sehr. Aber ihr könnt ja nun selbst lesen:
Feldpostbrief vom 12. Juli 1944:
Lieber Oswald und lieber Karl !
Der Schnelligkeit halber schreibe ich Euch heute mal wieder zusammen mit einem Durchschlag. Seid mir bitte deshalb nicht böse und entschuldigt auch gleichzeitig, dass ich wieder mal so lange auf eine Anwort habe warten lassen. Ich hoffe, dass Ihr noch beide bei Eurer alten Einheit und im gleichen Aufgabenbereich seid und dass es Euch noch gesundheitlich und auch sonst gut geht. Von Dir, lieber Oswald, habe ich eigentlich immer geglaubt, dass Du vielleicht verlegt wirst und dass Ihr eine F.P.Nr. bekommt, aber scheinbar ist das nicht der Fall, nachdem Du mir nicht geschrieben hast. Dass Du den Posten als Re.-Fü. (Rechnungsführer) hast übertragen bekommen, freut mich sehr und bin ich auch froh um Dich. Es ist zwar eine sehr verantwortungsvolle Aufgabe und auch mit allerhand Arbeit verbunden. Ich kenne es sehr genau und möchte Dir nur einen Rat geben, lasse Dir nicht alle möglichen Kleinigkeiten, was so drum und dran hängt, aufdrängen. Es gibt noch viele andere Leute in einer Einheit, die auch froh sind, wenn sie etwas zu tun und zu verwalten haben. Andererseits ist ja der Spiess auch immer da, der etwas tun kann. Besonders Kantine würde ich von vornherein abwimmeln, das geht den Re.-Fü. gar nichts an und laut HKRO (H.Dv.325) darf der Re.-Fü. nur Reichsmittel verwalten. Battr.- und sonstige Schwarzkassen sind verboten und auch die Kantinenkasse geht den Re.-Fü. nichts an. Für die Verpflegungsausgabe ist ganz allein der Küchen-Uffz. bezw. der älterste Koch verantwortlich, der soll sein Zeug von vornherein einteilen, dann muss er damit auskommen. Auch Verpfl.-Empfang ist Sache der Köche. Weisst, ich könnte Dir da mancherlei Winke geben, da ich den Laden zu genau kenne. Lasse Dir also nur nicht alles andrehen, sondern Du musst von vornherein abwimmeln und wenn es zuviel Arbeit wird, bei Deinen Vorgesetzten auf eine Hilfskraft drängen. Re.-Fü. ist im Bereich der ganzen Luftwaffe bei jeder Einheit eine Oberfeldwebel-Planstelle in Anbetracht der grossen Verantwortung !
Und bei Dir, lieber Karl, da musste ich direkt staunen, dass Du nun schon mehr oder weniger die Geschäfte des Schirrmeisters machst. Da ist die Verantwortung nicht minder gering überhaupt bei der laufenden Benzinknappheit. Lasse Dich mit Kraftstoff in keiner Weise ein, ich weiss ja ohnehin, dass Du immer ehrlich bist, aber die Gefahr ist sehr gross. Schaue nur, dass Du diesen Posten halten kannst, wenn Du auch nicht gleich Uffz. werden wirst, dazu hast Du ja Zeit und den Lehrgang hast Du ja hinter Dir. Das wirst schon einmal hinhauen.
Bei Euch beiden kommt leider der Feinddruck immer näher und bei Dir, Oswald, wird man den Kriegslärm bald hören. Es ist bedauerlich, wie es an allen Fronten noch zurückgeht, aber trotz allem dürfen wir den Mut nicht aufgeben, es wird schon einmal wieder für uns besser kommen und wir werden die Handelnden sein. Hier ist ja nun schon über ein Monat die Invasion und man hört täglich, dass dort gewaltig gekämpft wird. Es ist allerhand, was unsere Gegner an Menschen und Material einsetzen und für die Verteidiger in keiner Weise leicht. Eigentlich wartet man auch an anderen Stellen mit weiteren und größeren Landungen, doch scheint es sich bei unserm Gegner verzögert zu haben. Aufgeschoben ist nicht aufgehoben und kommen werden sie nochmals, es frägt sich nur wo. Eines steht fest, hier im Westen wird man noch in diesem Jahr eine Entscheidung erzwingen, darauf sind beide Teile aus. Der Krieg wird hier auf einen Höhepunkt getrieben und was der Gegner hier oft auf kleine Stücke aus der Luft einsetzt ist schon allerhand. Es wird da an nichts gespart, wenn auch der weitaus grösste Teil der Bomben in freies Feld fällt und keinerlei Schaden anrichtet. Bei uns selbst am Ort ist es seit der Invasion fast etwas ruhiger geworden gegenüber den Vortagen, wo es oft ununterbrochen weiterging. Wir setzen uns hier mangels Bunker in unsere Deckungslöcher und ich fühle mich darin wirklich am sichersten.
Der inzwischen erfolgte Einsatz der V-1-Waffe hat bei uns besonders bei Beginn grosse Begeisterung ausgelöst. Wenn der Erfolg nach aussen auch nicht so gewaltig ist, wie ihn viele Leute auf Grund der vorhergegangenen Propaganda erwartet haben, so wollen wir diese fliegenden Bomben in keiner Weise unterschätzen. Wir haben da schon manches gesehen und gehört und wenn von Detonationen von drüben bei uns noch die Fundamente wackeln und die Fensterscheiben klirren, dann sitzt gewiss auch etwas dahinter. Wir freuen uns immer, wenn wir so einen Roboter, der mit einem gewaltigen Tempo und einem Höllenlärm dahinsaust, sehen sei es bei Tage oder bei Nacht. Unsere Wünsche begleiten jeden V 1, der im Soldatenmund schon allerhand nette Namen hat. In der ersten Nacht sind wir jedesmal rausgesaust und haben gestaunt, wie es im nächsten Tag doch schon im Wehrmachtsbericht kam, nachdem doch alles so geheim gehalten war. Wir warten nur noch auf die weiteren Erfolge und den Einsatz neuer und schwererer Waffen. Es muss ermöglicht werden, dass wir denen die Flughäfen und Maschinen vernichten, damit mindestens die Heimat einmal wieder ganz zur Ruhe kommt, und die grosse Bombengefahr beseitigt wird. Alles ist ja gespannt, was die nächsten Wochen bringen werden, denn eines steht fest, dass es auf die Dauer so nicht weitergehen kann und dass die Rückzüge besonders im Osten auch einmal aufhören müssen. Wir tun unsere Pflicht, jeder an seinem Platz, nun wollen wir weiterhin abwarten in der Überzeugung, dass das Gute auf unserer Seite doch siegen muss.
Lieber Karl ! Besten Dank für Deinen Brief vom 17.6, den ich am 27.6 erhielt. Mit dem Einsatz neuer Waffen glaubst Du gar nicht, was der Gegner alles einsetzt, um die Baustellen zu zerstören und den Betrieb zu hemmen. Keine Tonne Bomben sind ihm da zuviel und wenn sie tausendmal daneben gehen. Aber dennoch wir es schon noch recht werden. Unsere Führung wird im richtigen Moment schon zupacken. Im Geschäft haben sie vor einigen Tagen 19 to. Glasziegel von Dresden ausgeladen und zuvor eine Ladung Glas, eine Menge Arbeit, wo niemand da ist. Bleibe weiterhin gesund und Gott befohlen.
Es grüsst Dich vielmals Dein Bruder Adolf
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der zweite Brief folgt in ein paar Tagen. Wenn ich wieder Zeit habe...
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"Wer mit seinem Volk nicht Not und Tod teilen will,
der ist nicht wert, dass er mit ihm lebe."
(Jean Paul, 1763-1825, deutscher Schriftsteller)
Dieser Beitrag wurde bereits 2 mal editiert, zuletzt von »Quax« (7. Februar 2012, 01:03)